Amstettner Schulärztin: „Absolut keine Lost Generation“. Für Schulärztin Ester Steininger fordert die Corona-Krise Kinder und Jugendliche stark, fördere aber auch Eigenverantwortung.

Von Doris Schleifer-Höderl. Erstellt am 22. April 2021 (05:34)
Allgemeinmedizinerin und Schulärztin Ester Steininger sieht negative, aber auch durchaus positive Auswirkungen der Pandemie auf die Kinder und Jugendlichen. Foto: privat
privat

Home Schooling, Distance Learning, Social Distancing sowie limitierte Zukunftsperspektiven bestimmen seit geraumer Zeit den Alltag der Schüler. Die Chat-Beratungen etwa bei „Rat auf Draht“ sind um 62 Prozent gestiegen. Bei 58 Prozent der 14-bis 18-Jährigen und bei 46 Prozent der 18- bis 25-Jährigen verursachten die Lockdowns Depressionen, so eine Studie der Donau-Uni Krems.

Grund genug, eine Expertin eingehend über die Lage der Jugendlichen dazu zu befragen: Allgemeinmedizinerin Ester Steininger, die seit 1997 auch als Schulärztin im Bezirk Amstetten fungiert, ist derzeit an der HAK/HAS Amstetten, an den Schulen des Trägervereins Franziskanerinnen Amstetten sowie im Bildungszentrum Gleiß und an der NÖMS Pestalozzistraße Amstetten tätig.

Die Pandemie hat dabei ihren Handlungsspielraum deutlich eingeschränkt. „Ich muss natürlich den Hygienemaßnahmen folgen und wenn die Schüler Home Schooling haben, sind sie für mich nicht greifbar. Ich berate aber auch Direktion, Lehrer und Eltern und habe auch telefonisch Kontakt mit Schülern“, berichtet sie.

Die Pandemie mache sich bei den Kindern und Jugendlichen natürlich psychisch und physisch bemerkbar. „Das letzte Jahr war eine sehr große Herausforderung und stressig für die Kinder und Jugendlichen“, sagt Steininger. „Es kam viel zusammen: die große Umstellung beim Lernen, die reduzierten Kontakte, die Unmöglichkeit, fortzugehen oder Hobbies und Sportarten auszuüben, und dann natürlich noch die Ängste um Angehörige, um die eigene Zukunft und um die schulische Laufbahn“, fasst die Schulärztin zusammen.

Unplanbarkeit der nahen Zukunft

Belastend seien für die Jugendlichen auch die vielen oft widerstreitenden Informationen über das Coronavirus und die Unplanbarkeit der nahen Zukunft. „Für die jungen Erwachsenen ist es jetzt ja auch viel schwieriger, neue Freunde zu finden und erste Beziehungen auszuprobieren, um sich vom Elternhaus loszulösen.“

Das Distance Learning fordere von den Kindern und Jugendlichen zudem eine gute Organisation und ein hohes Maß an Eigenmotivation, sagt die Schulärztin. Da fehle die gegenseitige Stimulation durch Gleichaltrige in der Klassengemeinschaft massiv. „Diese Krise hat uns sehr deutlich gezeigt, dass Schule mehr ist als Wissensvermittlung und dass die sozialen Komponenten extrem wichtig sind“, betont Estinger.

Mit Fortdauer der Krise falle allerdings auf, dass sich der Großteil der Kinder und Jugendlichen zunehmend gut auf die Situation einstellt, betont die Schulärztin. Die technischen und organisatorischen Probleme des ersten Lockdowns seien überwunden und die Lehrer hätten mit sehr viel Einsatz, Kreativität und Flexibilität wirklich das Beste aus der Situation gemacht.

„Ich höre von Kindern auch, dass sie froh sind, mehr im eigenen Tempo arbeiten zu können, und dass sie jetzt mehr Zeit haben, weil der Schulweg wegfällt. Ein Schüler hat mir erzählt, dass er jeden Tag in der Früh joggen geht, damit er sich frisch und munter vor den Computer setzen kann. Ein Mädchen berichtete, dass es noch nie so gemütlich zu Hause war, weil in der Familie so viele Spiele gespielt würden“, erzählt die Schulärztin. Sie weiß auch von großer Solidarität und Hilfsbereitschaft zwischen Geschwistern und von Jugendlichen, die ein eigenes Corona-Work-out- Programm machen.

Keinesfalls möchte Ester Stei-ninger daher von einer „Lost Generation“ in Sachen Bildung sprechen. „Diese Generation macht vielleicht etwas weniger Lernstoff durch, lernt aber dafür andere Fähigkeiten. Die viel gepriesene digitale Kompetenz hat sie schon bewiesen, ebenso die Fähigkeit, sich die Zeit gut einzuteilen, mit Stress umzugehen und einen Blick für das Wesentliche zu entwickeln“, meint die Ärztin.

Die meisten Kinder hätten zum Glück gesunde erwachsene Bezugspersonen, die ihnen helfen würden, die Probleme richtig einzuordnen. „Solche Herausforderungen zu meistern, stärkt auch die Eigenkompetenz und damit die Lebenskompetenz, frei nach dem Motto „Wer dieses Jahr geschafft hat, schafft alles!“, sagt die Schulärztin.

Estinger will die Situation aber auch nicht schönreden, denn es gäbe auch eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die tatsächlich Gefahr liefe, verloren zu gehen.

Konflikte mit Eltern eskalieren leichter

„Psychische Probleme wie Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen und Essstörungen haben deutlich zugenommen, auch die häusliche Gewalt. Ein Drittel der Eltern gibt an, dass Konflikte mit den Kindern jetzt öfter eskalieren. Hier sind vor allem Eltern, die selbst viel Stress haben, betroffen“, sagt die Schulärztin.

Besonders gefährdet seien da Familien mit finanziellen oder sogar existenziellen Sorgen, mit beengtem Wohnraum und mit niedriger Bildung. „Kinder und Jugendliche, die schon vor Corona Probleme hatten und zu Hause wenig Unterstützung bekamen, geraten durch die Krise noch mehr ins Hintertreffen. Die Schere geht da deutlich auseinander“, bedauert Estinger. Noch nicht abzusehen ist für die Schulärztin übrigens, welche Auswirkungen die Pandemie auf die körperliche Entwicklung der Jugendlichen haben wird.