Politik-Coach über Brexit: „Sache ist schon ernster“. Der St. Georgner Michael Traindt ist Politik-Coach und berichtet aus London vom „Brexit“.

Von Peter Führer. Erstellt am 26. März 2019 (04:30)
Marisa Vranješ
Michael Traindt hofft, dass der Brexit noch abgewendet werden kann.

Der St. Georgner Michael Traindt ist selbstständiger Trainer und Coach für Politik und Wirtschaft sowie Politologe. Er betreut Kunden in Österreich, Deutschland sowie Großbritannien und in Belgien. Derzeit befindet er sich beruflich in London. Für die NÖN berichtet er angesichts der anhaltenden Brexit-Debatte von der Stimmung vor Ort.

NÖN: In welchem Bereich sind Sie derzeit in London tätig?

Michael Traindt: Ich wurde in einen Coachingpool von 16 Coaches für Wirtschaftsstudenten der Cambridge Judge Business School berufen. Wir stehen Wirtschaftsstudenten im ersten Jahr ihres MBA (Master of Business Administration) zur Verfügung, um an ihrer beruflichen Rolle sowie ihren Zielen zu arbeiten. Alle Studierenden stehen voll im Berufsleben und sind Führungskräfte, daher geht es auch um Lenkung und Wertschätzung in der Kommunikation als Führungskraft. Zum Beispiel: Wie überbringe ich schlechte Nachrichten oder ziehe klare Grenzen? Wie bin ich selbst ein gutes Vorbild?

Waren Sie beruflich schon öfter in Großbritannien? Wenn ja – in welcher Funktion?

Traindt: Ich habe in Bradford und Cambridge studiert und daher habe ich auch viele berufliche Kontakte und Anknüpfungspunkte in Großbritannien. Die Aufträge in Großbritannien liegen meist im öffentlichen und politischen Bereich. Unter anderem habe ich für ein Nachwuchsförderungsprogramm unter der Schirmherrschaft von Queen Elisabeth gearbeitet. Das war nicht nur sehr spannend, sondern auch eine große Ehre für mich.

Nachdem Sie gerade einen Eindruck von der Situation vor Ort haben: Wie stehen Sie zum Thema Brexit?

Traindt: Die Europäische Union ist wie eine Fußballmannschaft, die ausgezeichnete Chancen hat, die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Leider foulen sich die Spieler – die Mitgliedsstaaten der EU – der eigenen Mannschaft derzeit selbst, schießen mit Begeisterung Eigentore und der Spieler „Großbritannien“ gibt sich selbst die Rote Karte. Fußballweltmeister wird immer das beste Team und nicht der beste Einzelspieler!

Wie ist die Stimmung vor Ort angesichts des heiß diskutierten Brexits?

Traindt: Um beim Fußballbild zu bleiben: Allen Seiten wird klar, dass Großbritannien alleine nicht Weltmeister wird. Und ob sie in den USA oder China ‚mitspielen‘, oder ‚auf der Bank sitzen‘ ist mehr als offen. Vielen wird klar, dass die Europäische Union die Lösung ist und nicht das Problem.

Welche Auswirkungen hätte ein Brexit auf Sie oder auch andere EU-Bürger, die beruflich immer wieder in Großbritannien tätig sind?

Traindt: Genau das ist die große Schwierigkeit. Ich bin diesmal als EU-Bürger in ein EU-Land eingereist, in dem ich ganz normal arbeiten und leben darf. Beim nächsten Mal bin ich vielleicht ein ‚Fremder‘. Brauche ich dann ein Arbeitsvisum? Gelten meine Verträge noch? All diese Fragen kann im Moment in Wahrheit niemand wirklich eindeutig beantworten.

Ist der Brexit auch Gesprächsthema mit Kollegen vor Ort?

Traindt: Vor zwei Jahren, unmittelbar nach der ‚Brexit‘-Abstimmung, haben mich meine Kollegen spaßhalber gefragt, ob sie jetzt Österreicher werden können. Bei meinem jetzigen Aufenthalt ist die Sache schon ernster. Eine Kollegin fährt im April mit dem Auto nach Frankreich und hat nun Angst, dass sie in endlosen Staus steht bei der Rückreise. Ein anderer Kollege hat Angst um seinen Arbeitsplatz und vor allem um die Zukunft seiner Kinder.

Hat sich die Einstellung der Briten gegenüber Nicht-Briten durch die ganze Thematik verändert?

Traindt: Ich persönlich werde weiterhin sehr wertschätzend behandelt und ohne EU-Bürger würde, so Regierungszahlen, die Gesundheitsversorgung völlig zusammenbrechen. Die Hoffnung stirbt zuletzt und als EU-Bürger wünsche ich mir, dass wir als Fußballteam Europäische Union bald wieder geschlossen auftreten und gemeinsam Weltmeister werden. Eins ist sicher, weder Großbritannien noch Österreich kann das alleine schaffen.