„Von der Welt vergessen“. Zehn Monate half Severin Pechhacker in einem Sozialzentrum in Moldau. Mit dem Verein Concordia leistete er seinen Zivildienst in einem der ärmsten Länder Europas.

Von Nina Pöchhacker und Nina Pöchhacker. Erstellt am 14. Juli 2017 (05:38)
Dieses Foto von Severin Pechhacker entstand beim täglichen Verteilen der Essensportionen, die sich in der orangenen Tasche befinden.
NOEN, privat

Ein Tag im Centru Multifunctional Tudora beginnt für Severin Pechhacker um 8.30 Uhr mit Reparatur- und Gartenarbeiten. Danach bekommen die älteren Herren im Sozialzentrum eine Rasur, bevor Severin die Jause für die Schulkinder vorbereitet.

Am Nachmittag liefert er Essen an betagte Menschen aus, hilft den Schulkindern bei Hausübungen und spielt mit ihnen Fußball. Am Abend putzt und räumt er alles im Sozialzentrum wieder zusammen – für den nächsten Tag. Der 20-jährige Severin Pechhacker leistete seinen Zivildienst in Form eines sozialen Engagements in der Republik Moldau, dem ärmsten Land Europas.

Ähnlichkeiten Österreichs mit dem Binnenstaat

„Ich wollte wohin, wo Hilfe dringender benötigt wird als in Österreich“, erklärt er seine Beweggründe. Moldau, umgangssprachlich oft Moldawien gennant, befindet sich noch immer in einer Umwandlungsphase vom sowjetischen Staat zur freien Marktwirtschaft. Der durchschnittliche Monatslohn eines Vollzeitjobs in Moldau liegt bei circa 170 Euro. Arbeitsplätze und Fixanstellungen sind Mangelware, weswegen viele Personen temporär in Russland oder der EU arbeiten.

„Man lernt hier die Errungenschaften unserer Gesellschaft zu schätzen — Mülltrennung und -entsorgung, das Sozialsystem, die Qualität vieler Produkte. Und man erkennt, was überflüssig ist, wie zum Beispiel alle Strecken mit dem Privatauto zurückzulegen“, beschreibt Pechhacker die größten Unterschiede.

Neben dem Zugang zur Donau sah er noch weitere Ähnlichkeiten Österreichs mit dem Binnenstaat: „Oft hatte ich das Gefühl, ich lebe in der Welt, von der mir meine Großeltern aus ihrer Kindheit erzählt haben. Viele Haushalte betreiben neben der Arbeit noch einen kleine Landwirtschaft. Mir kommt vor, als wurde das Land von der Welt vergessen“. Trotzdem gefiel ihm die Lebensweise, denn: „Diese Einfachheit und Distanz haben auch einen gewissen Charme“.

Zivildienst im Ausland mit Concordia

Den Plan, seinen Zivildienst im Ausland zu absolvieren, hatte der Lunzer schon einige Jahre. Die Wahl fiel auf Concordia, da Bekannte von ihm ebenfalls ein Volontariat mit der Organisation gemacht hatten. Die gemeinnützige Privatstiftung betreut zurzeit Projekte in Rumänien, Moldau, Bulgarien und Österreich. Beim Zivilersatzdienst geht es um die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus benachteiligten Familien und alten Menschen ohne familiäre Unterstützung. Im Fall von Severin Pechhacker variierte die Länge der Arbeitstage – im Winter kürzer als im Frühling. Im Herbst war er außerdem am Bau eines Stalls und der Renovierung eines Einfamilienhauses beteiligt. Die größte Barriere für ihn war die Sprache.

Bei einem Vorbereitungskurs in Bukarest war die Zeit zu kurz, um Rumänisch ausreichend zu lernen. „Am Anfang konnte ich also noch nicht viel verstehen und weniger selbst sagen. Aber man lernt eine Sprache schnell, wenn sie die einzige Möglichkeit zur Verständigung ist“, führt Severin die Kommunikationsprobleme aus. Durch das ständige Reden mit den Kindern, fiel ihm Rumänisch von Tag zu Tag leichter. „Jetzt kann ich mich problemlos mit den Menschen unterhalten, so mühelos wie in der Muttersprache ist es aber trotzdem nicht“ erzählt er weiter.

Was von einem Jahr in Moldau bleibt

Neben Tudora, im Süden des Landes, reiste Pechhacker auch nach Odessa (Ukraine), Iaşi (Rumänien) und Transnistrien, welches sich während des Zerfalls der Sowjetunion von Moldau abspaltete. In ein paar Jahren möchte er erneut nach Moldau reisen, um mehr zu sehen.

Der Drang zum Helfen ist ihm geblieben. Im Herbst setzt er sein soziales Engagement bei der Caritas in Wien fort, während er ein Studium der Kulturtechnik und Wasserwirtschaft an der Universität für Bodenkultur beginnt.

Seit zwei Wochen ist Severin wieder zu Hause in Lunz am See. Sein Fazit? „Ein Jahr, in dem ich mein Leben dem Helfen gewidmet habe. Ich habe Wichtiges geleistet, aber ich muss auch sagen, dass mehr möglich gewesen wäre – und, dass dort noch vieles nötig ist“.