Alltag im Stadtl: Distanzieren in der Lobau. Das schöne Wetter lockte am Wochenende die Spaziergänger in die Donauauen. Das Abstandhalten ist manchen noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen.

Von Ulla Kremsmayer. Erstellt am 31. März 2020 (16:10)
Au-Forscherin Ingrid Erkyn kaut – besorgt um den Nationalpark – auf einem Bärlauchblatt.
UK

Wo trifft man einander? Beim Spazierengehen in der Lobau. Bekannte, mit denen man in gehörigem Abstand plaudert, wie die ehemalige ORF-Moderatorin und Au-Forscherin Ingrid Erkyn, die Bärlauch pflückt und „sicher zwei Meter Abstand halten“ will, dabei aber nicht immer erfolgreich ist, wie sie nervös berichtet – und die bereits Angst um die Lobau hat: „Ich fürchte, unter diesem Erholungsdruck nimmt der Nationalpark Schaden.“

Freundliche Unbedachtheit, aber auch Aggressionen

Tatsächlich gibt es viel Andrang. Radler, Spaziergänger, Familien – alle wollen auch einmal rasten, picknicken, nicht nur in den gesperrten Uferhäusern, sondern auch inmitten der Brutwiesen und Heißländen, abseits der Wege – eben um Abstand zu halten, aber ohne Rücksicht auf Vogelbrut und sonstige Naturwelten.

Man trifft auch nette Spaziergänger, die auf engeren Wegen zur Seite treten. Erst hielt eine jüngere Dame inne, um die ältere NÖN-Redakteurin passieren zu lassen – und im Moment des Vorbeigehens freundlich zu plaudern: „Es ist wichtig, bei der schönen Sonne spazieren zu gehen.“ Gefühlte hundert Zischlaute inklusive Tröpfchen in maximal einer Armlänge Entfernung – freundliche Unbedachtheit.

Schon weniger freundlich war die Kommunikation beim Supermarkt, der vor dem Tor Stiefmütterchentöpfe platziert und die NÖN-Reporterin angezogen hatte. Behände drängt sich ein junger Mann vor und nimmt gleich zwei solcher Töpfe direkt vor der Nase weg, dazu schnaufend zwei 60-Liter-Säcke Erde – ebenfalls maximal 20 Zentimeter entfernt.

Ungestüm und unbedacht, denkt man nachsichtig. Doch als er sich dann erneut ohne Distanz zum Wagerlstand vordrängt und auch noch das anvisierte Wagerl wegschnappt, die Bitte: „Können Sie nicht Abstand halten?“ Pfauchend kommt die entrüstete Antwort: „Sie san mir im Weg g’standen! Bleib halt daham!“ Und zu seiner Partnerin gewendet: „Die ist ja voll deppert, die Alte!“

Eine Erfahrung, von der SP-Bürgermeisterin Monika Obereigner-Sivec nicht zum ersten Mal hört. Der Druck auf Ältere steigt. „Daheimbleiben ist angeraten, aber nicht zwingend. Abstand halten müssen aber alle.“ Die Aggressionen, die man mit den Einschränkungen entwickelt, auf Ältere zu lenken, sei gefährlich. „Das scheint aber unsere Gesellschaft doch immer mehr zu prägen, da müssen wir aufpassen.“

Natürlich sei es ratsam, zu Hause zu bleiben und dies erträglich zu gestalten. „Wir könnten nachdenken, wen wir ohnedies einmal anrufen wollten, und das auch wirklich tun.“

Eine Aufgabe, die sie im Rahmen der „Stadt des Füreinanders“, der „Caring Communities“ anregen will. „Jetzt!“, wie sie betont.