Bürgermeister Fuchs: „Anstrengende, aber schöne Jahre“. Nach zehn Jahren an der Spitze Weitras hört Raimund Fuchs am 20. Februar auf. Im Interview mit NÖN-Redaktionsleiter Markus Lohninger blickte er zurück und nach vor.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 20. Februar 2020 (04:40)
Raimund Fuchs vorm letzten Arbeitstag im Bürgermeister-Büro.
F: privat

NÖN: Herr Bürgermeister – wenn am 20. Februar der neue Gemeinderat von Weitra angelobt wird, dann enden Ihre zehn Jahre an der Spitze der Stadt. Mit welchen Gefühlen verabschieden Sie sich aus der Funktion?

Raimund Fuchs: Es war eine große Ehre, Bürgermeister von Weitra sein zu dürfen. Es ist eine sehr vielfältige Gemeinde mit dem Schloss, der Gemeinde, der historischen Innenstadt und vielen Veranstaltungen. Sie hat sich so entwickelt, dass durch Märkte, die Asma-Baustelle oder den Ausbau der Brauerei von allen Zufahrten Innovation sichtbar ist. Der Golfplatz läuft wieder, nachdem es schon ganz anders ausgesehen hat, am Hausschachen haben wir ein tolles neues Restaurant, und die Kaserne, um die es unzählige Gespräche gegeben hat, ist dank der Installierung des Führungssimulators immer noch aktiv. Das Team hat mir sehr viel Kraft gegeben. Die Bürger grüßen mich schon von der Weite, auch das freut einen. Ich habe in diesen zehn Jahren vieles erleben dürfen – sie waren anstrengend, aber sehr schön.

Wie fällt Ihre Bilanz über das zu Ende gehende Jahrzehnt aus?

Fuchs: Ziel war es, neue Projekte zu ermöglichen und Bestehendes zu erhalten – eine historische Stadt zu führen birgt eine besondere Verantwortung. Ich wollte die unrentierlichen, nicht aus Gebühren gedeckten Verbindlichkeiten senken, damit wir mehr Freiraum für Investitionen bekommen. Wir konnten sie von etwa einer Million zwischendurch sogar auf etwa 15.000 Euro senken. Dadurch wurde etwa die Schaffung des Musikerheims möglich. Ich habe mich auch stark dafür eingesetzt, dass wir im Polizeigebäude anstelle zweier verwahrloster Wohnungen eine wunderschöne Ordination einrichten konnten. Heute haben wir hier den einzigen Zahnarzt der Kleinregion. Es wurden Streetsoccer- und Beachvolleyball-Plätze errichtet, vom Rathaus wurden Fassade, Saal, Heizung oder Beleuchtung saniert. Um viel Geld wurde das Stadttor saniert. Wir waren auch um Ausgewogenheit bezüglich der Katastralgemeinden bemüht. In Großwolfgers und St. Wolfgang wurden Jugendräume und in Spital das Feuerwehrhaus geschaffen, wir haben mehrere Feuerwehr-Fahrzeuge mitfinanziert. Vieles geschah, was einem im Alltag gar nicht richtig bewusst ist und trotzdem wichtig ist. Und vieles geschah, weil‘s einfach geschehen musste.

Zum Beispiel?

Raimund Fuchs zum Abschied: „Viele Projekte wurden erst durch die Unterstützung des Landes NÖ umsetzbar, dafür danke ich Altlandeshauptmann Erwin Pröll und Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner.“
NOEN

Fuchs: Ich war ein halbes Jahr Bürgermeister, als das Becken im Hallenbad kurzfristig wegen hoher Wasserverluste saniert werden musste. Wir haben gleich auch die Sauna saniert, alle Mandatare halfen mit, ich an vorderster Front – so konnten wir das Hallenbad als wichtige Einrichtung für die Öffentlichkeit erhalten. Wir haben es auch im Gemeindegebiet geschafft, durch Sanierungen der Wasserleitungen hohe Verluste zu minimieren, das war zum großen Problem angewachsen. Genauso verhinderten wir durch den Kauf des Bahnhofsareals die im Raum gestandene Dreiteilung.

Gibt es schon konkrete Pläne für dessen künftige Verwendung?

Fuchs: Der große Parkplatz kann für Veranstaltungen genutzt werden. Für das Hauptgebäude gibt es die Vision einer Gastronomie-Einrichtung, ein paar Anläufe sind aber bisher gescheitert. Denkbar wäre auch eine Nutzung als Wohnraum.

Was versprechen Sie sich von der künftigen Stadtführung?

Fuchs: Ich hatte zum Amtsantritt eine gut funktionierende Gemeinde übernommen, aber ein fast komplett neues Team aufstellen müssen. Aus der vorigen Mannschaft waren nur ein Stadtrat und wenige Gemeinderäte geblieben. Es war eine große Herausforderung, trotzdem wollte ich ein neues und junges Team aufstellen mit einer Frau als Nummer zwei. Petra Zimmermann-Moser hat diese Aufgabe als 28-Jährige übernommen. Wir durften bei der Wahl 2010 ein Rekordergebnis mit plus zwei Mandaten feiern, daher rückte auch der damals 22-jährige Patrick Layr als Jugendgemeinderat nach. Durch sein hohes Engagement wurde er fünf Jahre später Stadtrat. Ich kann heute getrost sagen, dass ich nicht zurücktrete, sondern meine Aufgabe an junge Leute mit einer Menge politischer Erfahrung übergeben darf.

Hat es für Sie Berührungsängste gegeben, als Sie 2010 als Handwerker und erster Einwohner einer Katastralgemeinde zum Oberhaupt der traditionell sehr bürgerlichen Stadt werden wollten?

Fuchs: Bürgermeister zu werden, war gar nie mein Ziel… ich war eher ein „Zwischenfall“. Werner Himmer wollte aufhören, aber kein Nachfolger drängte sich auf. Ich hatte eine Firma, traute mir die Aufgabe nicht zu, wurde dann aber in die Mangel genommen (lacht). Mein Sohn, der gerade ein dreiviertel Jahr in der Tischlerei war, sie eigentlich nicht übernehmen wollte, sagte dann sofort: „Papa, wenn du das machst, dann bleibe ich hier.“ Ich hatte einige schlaflose Nächte, würde es rückblickend aber wieder, und genauso, machen.

Genau wie?

Fuchs: Ich wollte von Beginn an ein Bürgermeister für alle sein, verbindend, um jedes Anliegen jedes Bürgers bemüht – egal, ob er mich gewählt hat oder nicht. Genauso war ich immer um die Zusammenarbeit der Fraktionen bemüht. Ich wollte keine Lagerbildung: Streiten die Leute in der Politik, dann streiten auch die Leute draußen. Wir müssen gemeinsam für die Bevölkerung arbeiten, daher habe ich auch damit begonnen, alle Sitzungen des Stadtrates mit den Terminkalendern des sozialdemokratischen Stadtrates abzustimmen.

Gab es Momente, in denen Sie an Ihre Grenzen stießen?

Fuchs: Ja, im Zuge der Baumfällung in der Promenade bin ich psychisch an meine Grenzen gestoßen. Es gab eine große stille Zustimmung und wenige, aber laut protestierende Gegner. Die NÖN hat damals, im Gegensatz zu einem Gratisblatt, sehr ausgewogen berichtet, dafür sage ich ganz ehrlich und offen danke: Ich habe überhaupt kein Problem mit Kritik, aber der Ton macht die Musik. Es geht nur mit einem fairen Nebeneinander. Dass die Zahl der Baumpaten für neue Bäume dann größer war als jene der gefällten Bäume, von denen einige nicht zu retten waren und in der engen Reihe schwer zu entfernen gewesen wären, war eine große Bestätigung. Manchmal braucht es den Mut und das Vertrauen in getroffene Entscheidungen, heute wird es wieder eine schöne, einheitliche Allee.

Apropos Protest: Wie stehen Sie zu Schließungsplänen der Post?

Fuchs: Es gab sehr starken Protest gegen die Pläne, aber davor haben wir die Tür zum Rathaus zugemacht. Öffentlicher Protest sieht schön aus, kann aber nichts mehr ändern. Genauso war es einst, als wir völlig unvorbereitet über die Schließung des Incoming-Büros mit der Gästeinfo informiert wurden. Ich wurde käseweiß, als ich davon gehört habe. Wir mussten den Bereich, der auch den Vorverkauf für viele Veranstaltungen beinhaltete, in kürzester Zeit komplett neu aufbauen. Aber wir haben es perfekt und zu ähnlichen Kosten geschafft. Genauso öffnen sich jetzt Optionen, vielleicht zwei Postpartner statt einer Post zu bekommen. Es gibt da ein paar Namen…

Die einst umstrittene Wohnhausanlage in der Bergzeile hatten Sie schon als Projekt vom Vorgänger übernommen, zehn Jahre später ist es immer noch nicht fertig…

Fuchs: … ich habe es selbst gestoppt, weil manche Veränderungen einfach zu erwirken waren. Dennoch hätte ich nicht gedacht, dass zu meinem Abschied immer noch niemand darin leben würde. Aber ja, wir leben in einer Demokratie, es ist jedem gestattet, Einwände zu bringen.

Wie steht es generell um das Wohnen in Weitra?

Fuchs: Wohnraum in Weitra ist begehrt, es ist selten eine Wohnung hier frei. Im Vorjahr gab es 29 Geburten, mehr als doppelt so viel wie im Jahr davor. Durch den Aufwärtstrend bekamen wir auch eine fünfte Kindergarten-Gruppe genehmigt, konnten in Zeiten wie diesen sogar ausbauen und haben endlich keine Sorgen mehr, für alle Kinder einen Platz zu finden. Wir haben bei der Ausfahrt in Richtung St. Wolfgang Bauland geschaffen, das fast zur Gänze vergeben ist. Patrick Layr ist dabei, neues Bauland zu schaffen – die Nachfrage ist groß. Die 16 Wohnungen in der Bergzeile werden außerdem heuer endlich bezogen, das wird sicher auch eine Belebung für die Innenstadt bringen.

Apropos: Wie beurteilen Sie die Situation der Innenstadt?

Fuchs: Sie ist wie in vielen anderen Gemeinden auch vom teilweisen Wegfall von Einrichtungen betroffen. Der Verlust des Nahversorgers tat weh. Andererseits haben wir darin jetzt mit dem vergrößerten Walala teils einen Ersatz und mit der Alpaka-Boutique eine zusätzliche Frequenzbringerin. Die Buchhandlung schloss, dafür haben wir jetzt mit dem Torhaus eine neue Bereicherung. Der Elektriker hörte auf, dafür haben wir jetzt Red Zac Mengl. Nach meiner Vermittlung haben wir auch wieder einen Fleischer im Zentrum. Natürlich kann immer alles noch besser sein, aber man muss realistisch bleiben und auch zufrieden sein können: Wir haben bis hin zur ärztlichen Versorgung fast alles, das es zum täglichen Leben braucht.

Was sind aus Ihrer Sicht die Herausforderungen für die Zukunft ?

Fuchs: Die Generalsanierung des Rathauses, die mit einem Investitionsbedarf von wahrscheinlich 1,5 bis 2 Millionen Euro ein großer Brocken wird, steht noch an. Generell wird die Innenstadt aus zwei Gründen ein großes Zukunftsthema: Es sollte gelingen, sie zusätzlich zu beleben, den Status Quo aber zumindest zu halten. Zugleich wird die begonnene Sanierung der Kanal- und Wasserleitungen irgendwann den Rathausplatz erreichen. Diese Herausforderung birgt auch die Chance einer kompletten Neugestaltung des Platzes – man könnte daraus einiges machen. Kulturell hat sich Weitra stark weiter entwickelt, mit vielen Veranstaltungen und dem Festival – das zu erhalten und begleiten eine große Aufgabe war und bleiben wird.

Was wird für den baldigen Altbürgermeister die private Zukunft bringen? Werden Sie wieder in der Tischlerei stehen?

Fuchs: Ich werde 63, könnte bereits in Pension sein und werde jetzt darum ansuchen. An sich möchte ich nach 27 Jahren an der Spitze der Firma und zehn Jahren als Bürgermeister einmal eine Zeit lang abschalten, mein Leben in aller Ruhe neu ordnen. Hauptsächlich freue ich mich auf mehr Zeit für die Familie mit den sechs Enkelkindern. Ich werde politisch sicher nicht im Hintergrund mitagieren. In der Tischlerei möchte ich auf geringfügiger Basis weitermachen – liegen Kleinigkeiten an, dann soll es einen rechtlichen Rahmen dafür geben. Für die Gemeinde möchte ich mich ehrenamtlich dort engagieren, wo ich als Tischler helfen kann, ich weiß da ein paar Kleinigkeiten (lacht). Ich will mehr Tennis spielen und meine alte Leidenschaft, die Modellfliegerei, aufleben lassen: Es gibt einige schöne Modelle, die gerne einmal Luft schnuppern möchten.