Das Erbe der Gemeindefusionen. Wie heutige Generationen über die Zusammenlegung denken, und was geplant ist.

Von Markus Lohninger, Karin Pollak und Anna Hohenbichler. Erstellt am 21. April 2021 (04:33)
Zahl der Gemeinde in NÖ
Grafik: Bischof; Quelle: NÖ Gemeindebund

50 Jahre „Großgemeinden“ im Bezirk Gmünd: Ein Grund zum Feiern? Die Antwort auf diese Frage ist vielerorts noch offen – auch aufgrund der Coronavirus-Ungewissheit.

Vorteile für Infrastruktur & Finanzen. ÖVP-Landtagsabgeordnete Margit Göll sieht in den Fusionen mehrere Vorteile. „Damals bewiesen echte Vorreiter Weitblick. Heute wollen Bürger eine umfassende Infrastruktur mit wohnortnahen Ansprechpartnern am Gemeindeamt, Schulen, die auch im Kleinen erhalten werden, oder tollen Ausflugszielen, die in jeder Gemeinde zu finden sind“, sagt sie. Als Bürgermeisterin von Moorbad Harbach führt sie eine Gemeinde, die ebenfalls durch die Reform gewachsen ist: 1971 verschmolzen Harbach und Wultschau, 1972 folgten die weiteren Ortschaften. Göll ist froh, dass „damals der Grundstein für Strukturen geschaffen wurde, mit denen wir heute arbeiten können“.

Verhaltene Feierlaune. In der notorisch finanzschwachen Stadt Litschau hat die Fusion mit umliegenden Gemeinden nach Jahrzehnten des Einwohnerverlustes durch die größere Köpfezahl neue Finanz-Spielräume gebracht. Das sagte einst Franz Reithofer, der in der ersten Wahl der Großgemeinde vom Vize- zum ÖVP-Bürgermeister aufstieg. Feierlichkeiten sind dort zum aktuellen Zeitpunkt noch keine geplant.

Göll möchte die Fusionen in Harbach sehr wohl feiern, aber nicht im Coronajahr 2021. „Wir wollen 2022 feiern, sind bereits mit der Planung beschäftigt“, sagt sie.

Schrems plant, Gmünd noch unschlüssig. Ähnlich sieht es in Schrems, der nach der Fusionswelle einwohnerstärksten Gemeinde des Bezirkes, aus. „Freilich möchten wir ein paar Sachen inszenieren und den Menschen nahebringen, wie diese zunächst vielfach negativ bewertete Entscheidung sehr Positives bewirkt hat“, sagt Bürgermeister Karl Harrer (SPÖ). Auch hier wird das Jahr 2022 ins Auge gefasst.

In der Bezirkshauptstadt Gmünd, die mit Eibenstein nur eine Gemeinde – und das zwangsweise per 1. Jänner 1972 – dazu bekommen hatte, sei das Jubiläum noch kein Thema gewesen, sagt Bürgermeisterin Helga Rosenmayer (ÖVP). Das könne es aber werden. „Ich glaube, dass sich Eibensteiner als Eibensteiner und als Gmünder sehen – und in beiden Rollen wohlfühlen“, bewertet sie die Fusion jedenfalls als geglückt.

Unserfrau-Altweitra bereitet Dokumentation vor. In Unserfrau-Altweitra ist anlässlich der Gründung der „Großgemeinde“ eine Fotoausstellung geplant. „Diese werden wir hoffentlich trotz Corona abhalten können“, sagt Bürgermeister Otmar Kowar (ÖVP). Derzeit ist er mit den Protokollen zur Fusion beschäftigt: „Es hält sich das Gerücht, dass unsere Gemeinde eigentlich Altweitra-Unserfrau heißen hätte sollen, Unserfrau-Altweitra durch einen Schreibfehler zustande gekommen sei. Davon ist in den Dokumenten nichts zu lesen. Es wurde immer von Unserfrau-Altweitra geschrieben.“ Oft blieben imaginäre Grenzen durch eigene Pfarren aufrecht, auch in Unserfrau-Altweitra. Kowar: „Probleme haben sich in den Jahren aber entspannt, hin und wieder gibt es noch die eine oder andere Unstimmigkeit.“

Bezirkswechsler: Alte folgten den Jungen. Der damalige Zwettler Landtags-Abgeordnete und ÖVP- Bezirksparteichef Franz Romeder hat unter anderem bei der Bildung der Großgemeinde Zwettl mit 61 (!) Katastralgemeinden Spuren hinterlassen. Selbst habe er nicht Bürgermeister werden wollen, blickt der 83-Jährige zurück – wurde es aber in der Gemeinde Schweiggers, die größer als vermutet wurde: Die Limbacher hätten eigentlich zu Kirchberg im Bezirk Gmünd tendiert, aber Schweiggers gewählt. Siebenlinden wollte eine Gemeinde mit Großwolfgers gründen, Großwolfgers ging aber zu Weitra. Die pragmatische Lösung: „Die Kinder aus Siebenlinden gingen in die Hauptschule Schweiggers, also wurde Siebenlinden bei uns eingemeindet.“ Rupert Breiteneder (92) – einst Gemeinderat der Gemeinde Großwolfgers, nach der Fusion Gemeinde- und Stadtrat in Weitra: „Die Zusammenlegung hat für uns gut funktioniert. Wie man noch heute sieht, war das die richtige Entscheidung.“

Mit kleinregionalen Kooperationen in die Zukunft. Die Fusionsschritte seien trotz aller Konflikte mutig und zukunftsweisend gewesen, analysiert der heutige Bezirkshauptmann Stefan Grusch. Weitere Fusionen brauche es nicht, innerhalb kleinerer Strukturen werde noch vieles im Ehrenamt erledigt. Der Weg führe eher in Richtung kleinregionaler Kooperationen, etwa wenn es um Aufgaben der Straße – von der Beleuchtung über die Erhaltung bis zur Kehrmaschine – gehe.

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