Gastro-Neustart: Das Henderl hat nie besser geschmeckt. Wie auf dünnem Eis in die Gaststube, mit Personal aus anderen Galaxien und für „Corona“ reservierten Tischen. Aber: Es ist schön, zurück zu sein.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 20. Mai 2020 (03:48)
Wiederöffnung im Wintergarten des Sole-Felsen-Hotels: Geschäftsführer Bernhard Strohmeier und Service-Leiterin Alexandra Pesendorfer begrüßen mit „Face Shields“ die mundnasengeschützte Familie Werner aus Waidhofen als erste Gäste (v.l.) – und geleiten sie zu ihrem Tisch.
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Schüchtern mustern die zwei Damen mittleren Alters am Nachmittag des 15. Mai das Stadtwirtshaus Hopferl in der Gmünder Fußgängerzone, als sie wie über dünnes Eis ihre ersten Schritte in die Gaststube setzen. Sie machen hier neben umfangreichem Aufklärungs- und Virentöt-Material sieben Leute verteilt auf drei Tische aus, zwei weitere Gäste an einem kleinen Stehtisch, drei in der Brasserie, und Personal wie aus einer anderen Galaxie mit Gesichtsvisieren oder Masken. Der Schankbereich ist wie ein Tatort mit rot-weiß-rotem Plastikband als Tabuzone deklariert, fast jeden zweiten Tisch ziert ein „Reserviert“-Schild mit großem Coronavirus-Symbol.

„Dürfen wir wirklich herein?“

Nichts ist mehr selbstverständlich

Zwei Monate nach Inkrafttreten der Corona-Maßnahmen dürfen Gastro-Betriebe erstmals wieder öffnen. Der Lokalaugenschein zeigt, dass inzwischen gar nichts mehr selbstverständlich ist. Das „Bitte lächeln“ fürs NÖN-Foto sorgt für Erheiterung, die kurz die eingeimpften Regeln für Mindestabstände vergessen lässt: Das Lächeln sieht durch die Maske sowieso keiner…

Salz & Pfeffer sind vom Tisch verschwunden, das Tischtuch genauso, der Tisch wird nach jedem Gast gründlich gereinigt – genauso die abwaschbare Karte. „Vieles ist verschwunden, was sinnvoll wäre“, zuckt Wirt Josef Hag mit den Schultern. Dafür hat er jetzt einen hölzernen Abstands-Maßstab: „Der ist sogar länger als nötig.“ Zur Distanzvermessung in Einheiten des Babyelefanten könnte zu heiterer Stunde auch das Meterbrett für Spezialbiere herangezogen werden. Allzu heiter wird‘s wohl nicht: Um 23 Uhr ist Sperrstund, so will es die Verordnung.

„Ort der Kommunikation hat gefehlt“

Insgesamt ist Hag aber nach der fordernden Zeit, in der die für Kurzarbeit angemeldete Belegschaft daheim war und er den Abholdienst mit seiner Familie alleine geschupft hatte, guter Dinge. Die Stimmung unter den Gästen ist von Freude und auch Dankbarkeit geprägt, alle paar Minuten geht per Telefon eine Reservierung ein. „Der Zulauf ist wie an einem normalen Freitag, es ist ein Kommen und Gehen“, ist Sepp Hag zufrieden. Senioren würden sich noch nicht trauen, insgesamt habe man aber an den Vortagen eine „freudige Erwartungshaltung gemerkt. Das Wirtshaus als Ort der Kommunikation hat einfach gefehlt.“ Hag hat durch die Vorgaben gut die Hälfte der Plätze verloren, bringt aber immer noch um die 70 Gäste unter: „Wir profitieren jetzt davon, dass wir groß gebaut haben.“ Im Winter war der hintere Raum durch kleinere Einheiten aufgelockert worden, auch das nützt dem Hopferl nun.

Zum Klogehen muss sie dann wieder rauf!

Schauplatzwechsel in die Sole-Felsen-Welt. Raus aus dem Auto am immer noch stark verwaisten Parkplatz (Bad & Hotel öffnen erst am 29. Mai), wie vorgeschrieben mundnasengeschützt durch die Hotellobby zum Wintergarten, vor dem am provisorischen Pult freudig strahlendes Empfangspersonal wartet, auf ein Arsenal an Desinfektionsmittel-Spendern verweist. Man wird unter Einhaltung des gebotenen Abstandes zum Tisch geleitet, dort darf die Maske runter. Achtung: Zum Klogehen oder Qualmen muss sie dann wieder rauf!

Dass fast jeder zweite Tisch vorschriftsgemäß ungedeckt, der Schankraum unbestuhlt und die Gästeschar für den Start relativ groß ist, fällt im weitläufigen Lokal erst auf den zweiten Blick auf. Die Erleichterung über den Neustart ist dem Kellner durch das „Face Shield“ anzusehen.

Die Karte ist neu, aus einzeln desinfizierbaren Plastiktafeln. Genommen wird das Erste von der Tageskarte, die erste Spargelsuppe des Jahres und zart gebratenes Huhn. Der erste Griff zu „fremdem“ Besteck ist das Betreten von Neuland, das Gefühl beim erstmaligen Führen des Essens aus ungewohnter Quelle zum Mund mulmig. Aber: Es funktioniert noch. Das Henderl hat nie besser geschmeckt…