Gemeindefusion: Von Skepsis blieben Vorteile. Zeitzeugen erinnern sich an viel Gegenwind zu den Gemeindefusionen. Heute fällt das Fazit aber positiv aus – ein Blick durch den Bezirk.

Von Markus Lohninger, Anna Hohenbichler, Karin Pollak, Bernd Dangl, Franz Dangl und Karl Tröstl. Erstellt am 21. April 2021 (05:33)
In seinen Unterlagen hat Walter Hofer die Fusions-Causa Hirschbach dokumentiert.
, Karl Tröstl (2), Franz Dangl, privat, , Karl Tröstl (2), Franz Dangl, privat

Der Höhepunkt der vom Land NÖ angetriebenen Gemeindefusionen jährt sich zum 50. Mal. Wie aus 98 Gemeinden im Bezirk Gmünd 20 und schließlich doch 21 wurden – und wie damals Beteiligte heute über den Verlust der Eigenständigkeit denken.

Kleinste Gemeinde zählte 76 Köpfe. Noch 1951 bestand der Bezirk aus 98 Gemeinden mit 50.588 Einwohnern. Im ersten Schritt wurde bis Ende der 60er Jahre auf 44 Gemeinden reduziert – auch vor Bezirksgrenzen wurde nicht Halt gemacht: Eulenbach, Heinreichs, Kleinschönau und Großrupprechts wechselten nach Vitis (Bezirk Waidhofen), Siebenlinden nach Schweiggers (Bezirk Zwettl). Die geringste Einwohnerzahl selbstständiger Gemeinden wies Reichenbach (heute Litschau) mit 76 auf, gefolgt von Mistelbach (Großschönau) mit 87 und Abschlag (Großpertholz) mit 96. Zum Vergleich: Heute ist Haugschlag mit fast 500 Einwohnern kleinste Kommune im Bezirk mit nun 36.300 Einwohnern.

44 Gemeinden waren zum Beginn der 1970er-Jahre noch zu viel: Das Land NÖ wollte größere Gemeinden mit effizienterer Verwaltung und besserer Finanzkraft – Ertragsanteile aus Bundesabgaben steigen überproportional mit der Einwohnerzahl. Ein Erlass aus 1964 rief zu freiwilligen Fusionen auf und stellte, wie sich Gmünds früherer Amtsleiter Manfred Dacho erinnert, Anreize wie bevorzugte Vergabe von Bedarfszuweisungen und reduzierte Gemeindeumlagen in den ersten drei Jahren der Großgemeinden in Aussicht. Kleingemeinden, die nicht freiwillig fusionierten, wurden durch das Kommunalstruktur-Verbesserungsgesetz vom November 1971 per Anfang 1972 zwangsweise umgemeindet. Wieder schrumpfte Gmünd, Rohrbach (Pfaffenschlag) und Warnungs (Vitis) gingen in den Bezirk Waidhofen ab.

Blieben 20 Gemeinden. Aber: Die mit Kirchberg zwangsfusionierte Gemeinde Hirschbach gründete das „Komitee für die Lostrennung Hirschbachs von Kirchberg“, bekam vom Verfassungsgerichtshof mit 1985 den Status der eigenständigen Gemeinde zurück. Nur drei weitere NÖ Kommunen schafften das. Seither ist die Grenze des Bezirkes unverändert – genauso die 21 als Zahl der Gemeinden. Josef Müller († 2018), der die Loslösung angetrieben und die heute noch bestehende Bürgerliste gegründet hatte, stand Hirschbach später 15 Jahre lang als Bürgermeister vor.

Walter Hofer (79) denkt an die Zeit zurück. 1971 sei er als Hirschbacher SPÖ-Obmann von der damaligen Landesrätin Anna Körner informiert worden, dass das Land NÖ Fusionen plane. Bedenken hatte Hofer wegen Kirchberg keine, sagt er heute. Das sei nicht bei allen so gewesen: Aufgrund politischer Gegensätze sei eine Zusammenlegung für viele in der Eisenbahner-Gemeinde nicht denkbar gewesen. Verhandlungen mit anderen Gemeinden – etwa Langschwarza und Pürbach – scheiterten, sagt Hofer: Alle hätten den Standort von Schule und Gemeindeamt für sich beansprucht. Der Erfolg blieb vorerst aus, doch der Einsatz eines neuen Rechtsanwaltes habe 1985 gefruchtet – Hirschbach wurde mit den Ortsteilen Stölzles und Rottenbach wieder eigenständig, ist heute die zweitkleinste Gemeinde des Bezirkes.

Eibenstein zu Gmünd: zwangsweise, aber erfolgreich. Von Dauer war indes die Zwangsfusion mit der Stadt Gmünd per 1. Jänner 1972 in der Gemeinde Eibenstein, die zuvor Grillenstein (1850) und Breitensee (1921) aufgenommen hatte. Erfreut seien die Eibensteiner, die die Wasserquelle der Blockheide mitbrachten, nicht gewesen, erzählt Adolf Trinko (85). Der damalige Bürgermeister Leopold Zeigswetter sei machtlos gewesen. Manfred Dacho glaubt, dass es oft mehr um den Verlust der eigenen Stellung als um die Eigenständigkeit ging. In Eibenstein sei durch „verstärkte Siedlungspolitik“ versucht worden, die Einwohnerzahl auf 1.000 zu kurbeln, um der Fusion zu entkommen. „Am Ende dürften alle zufrieden gewesen sein, die SPÖ hat bei der Wahl 1975 in Gmünd und Eibenstein sauber dazugewonnen.“ Das Sträuben habe dazu geführt, dass Anreize des Landes für die freiwillige Fusion nicht ausgeschüttet wurden, Eibenstein habe noch Jahre auf Straßenlicht warten müssen.

Immer wieder habe es Bemühungen gegeben, den Vorort Ehrendorf mit heute 450 Einwohnern nach Gmünd zu integrieren, blickt Dacho zurück: „Die wollten die Vorzüge der Stadt nutzen, aber nie dazugehören.“ Schon 1966 schloss sich Ehrendorf mit Wielands bei Großdietmanns an. – Aus Eibensteiner Sicht habe sich das Andocken an Gmünd gelohnt, blickt Adolf Trinko zurück: Größere Vorhaben einer Kleingemeinde hätten alleine nicht gemeistert werden können, „und mittlerweile sind wir in der Großgemeinde Gmünd gut eingegliedert.“

Schrems „schluckte“ auch eine Marktgemeinde. Nicht ohne Widerwehr verlief auch der Weg der Stadt Schrems zur Flächengemeinde mit neun Katastralgemeinden – mit Niederschrems „schluckte“ sie gar eine Marktgemeinde. Zwangsweise verlor etwa Langschwarza die Eigenständigkeit, wie der dort letzte Bürgermeister Johann Zach zurückblickt:

Johann Zach
NOEN

Die Bevölkerung sei dagegen gewesen, deshalb habe er mit Mitstreitern vor der Landesregierung vorgesprochen – erfolglos. Also ging es auf Brautschau mit umliegenden Gemeinden. Alle Verhandlungen scheiterten, so trat Anfang 1972 die Zwangsfusion mit Schrems in Kraft. Einiges habe sich verändert, er selber blieb nach über zwei Perioden als Bürgermeister noch Gemeinderat und zog sich dann aus der Politik zurück, erzählt Zach. Sein Fazit: „Aus heutiger Sicht waren die Veränderungen für den Ort positiv.“

Heute sieht Bürgermeister Karl Harrer (SPÖ), der die Fusionen als junger Mann miterlebt hat, „kein Wir und Die“ mehr. Alle Dörfer seien gleichberechtigte Partner mit Ortsvorstehern als Bindeglied zur Stadtverwaltung, „wir versuchen, für alle Ortsteile zu tun, was möglich ist“.

„Zwerglfaunga“ und „Pechscherer“ in Heidenreichstein. Elf Katastralgemeinden werden nach Eingemeindungen von der Burgstadt aus verwaltet. Einer, der beide Seiten erlebt hat, ist Johann Blahusch.

Johann Blahusch
NOEN

Geboren in Sey frieds und aufgewachsen in Neuhaslau übersiedelte er 1956 in die Stadt. „Es gab Widerstände gegen die Zusammenlegungen, auch parteipolitische Gegensätze standen im Vordergrund. Oft wurden Stimmen laut, wonach auf die kleinen Orte vergessen werde“, sagt er.

Danach seien auch Entscheidungsträger aus Dörfern in den Heidenreichsteiner Gemeinderat eingezogen, in den Dörfern seien sie plötzlich nicht mehr so präsent wie während ihrer dortigen Amtszeit gewesen, erinnert sich Blahusch. Trotz allem sieht auch er, ab 1980 Gemeinderat und ab 1991 Vizebürgermeister, jetzt einen Gewinn durch die Fusionen: „Die Gemeinde erhielt mehr Fördermittel, konnte so im Laufe der Jahre und auch heute noch in die Katastralgemeinden punkto Wasser-, Kanal- und Straßenbau investieren.“

Manches hat die Jahre überlebt. Reifere Semester können noch heute den Katastralgemeinden ihre Bewohner zuordnen, wenn liebevoll und keineswegs böse gemeint von „Seifringern, Wossapollaken, Zwergl-faunga, Dunnara, Rotlochad’n oder Pechscherern“ die Rede ist.

Harmanschlag: St. Martin war Kompromiss. Auf eine wechselvolle Geschichte blickt Otto Anderl für Harmanschlag zurück:

Otto Anderl
NOEN

Dass man fusionieren müsse, war wegen der Gemeindegröße klar, sagt der 84-Jährige, der damals Gemeinderat war. Der Eingemeindung bei Großpertholz widersetzten sich die Gemeinderäte, „da war uns St. Martin noch lieber. Eigentlich wollten wir eigenständig bleiben.“ Bereits die Anbahnung sei zäh gewesen, habe etliche Gespräche erfordert, blickt Anderl zurück: Nach der Fusion habe es anfangs gepasst, „aber dann gab es oft Debatten, wir fühlten uns gegenüber dem Hauptort der Gemeinde benachteiligt. Heute sind diese Unstimmigkeiten bereinigt – damals konnten wir uns nicht vorstellen, nicht mehr eigenständig zu sein. Heute bin ich zufrieden, so wie es ist.“ 

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