Textiltalent plötzlich wieder gefragt. Bundesweite Pflicht zum Mund- und Nasenschutz rückt Branche, die jahrzehntelang gelitten hat, wieder in Fokus.

Von Markus Lohninger, Markus Füxl und Johannes Bode. Erstellt am 08. April 2020 (04:26)

Nach jahrzehntelangem Flächenbrand am einst so starken Waldviertler Textilsektor sind die Talente von Schneiderinnen, Näherinnen & Co plötzlich wieder gefragt: Die Zeit der Schutzmasken ist ausgebrochen, etliche Betriebe aus der Region kommen mit dem Produzieren kaum nach…

Bezirk Waidhofen: Produktion auf Hochtouren

Alle Hände voll zu tun hat derzeit die Firma Wirtex: „Bei uns laufen einige Webstühle nur für die Maskenherstellung. Wir verwenden dafür unsere eigenen Stoffe, die Bänder bekommen wir von Silberbauer Textiltechnik in Groß Siegharts“, sagt Geschäftsführerin Monika Strobl. – Bei Silberbauer wird im Vierschicht-Betrieb an der Herstellung der Maskenbänder gearbeitet.

Auch in der Frottierweberei Herka ist die Produktion gut angelaufen. Mehrere tausend Stück wurden bereits bestellt und ausgeliefert. „Aktuell stehen zwei Aufträge von Großkonfektionären im Raum. Dann könnten wir pro Woche 2.000 bis 3.000 Meter Gewebe verarbeiten, das wären 60.000 bis 90.000 Masken“, berichtet Geschäftsführer Thomas Pfeiffer.

Floral: Aus Not eine Tugend gemacht

Die Firma Floral um die Hoheneicher Familie Döller-Löffler beliefert Raumausstatter und Fachhändler als Großhändler mit Gardinen. Durch die Coronakrise brach dem Betrieb mit 15 Beschäftigten, der 2017 von Wien in die „Jägerfabrik“ in Weitra übersiedelt war, wegen Betriebsschließungen der Kunden das komplette Geschäft weg. Aber: Als zweites Standbein betreibt Floral ein Nähstudio. „Also versuchten wir, einige Näherinnen zumindest in Heimarbeit zu beschäftigen“, beschreibt Elisabeth Döller-Löffler den Weg zur NMS-Maskenproduktion: „Antibakterielle Stoffe hatten wir auf Lager, wir statten unter anderem Krankenhäuser und Hotels damit aus.“ Etwa 2.000 Masken wurden bereits vorige Woche bis nach Wien ausgeliefert, die Nachfrage sei höher als die Produktions-Kapazität, so Döller-Löffler: „Manche Bestellungen mussten wir leider ablehnen.“

Coronakrise sticht Textilkrise

Ähnlich geht es dem Gmünder Projekt für Wiedereinsteigerinnen „Lebmit&Bunttex“, das jahrelang freigesetzte Arbeitskräfte aus der Textilbranche als „Transit-Arbeitskräfte“ fit für andere Jobs machte – und genau mit deren Fertigkeiten nun punktet. Die Herausforderung: Angehörige von Risikogruppen sind freigestellt, drei Plätze wurden wegen Covid-19 nicht nachbesetzt. Daher sind derzeit nur fünf von zwölf über das AMS NÖ befristet geförderten Stellen belegt, sagt Projektleiterin Michaela Holzschuh. „Dadurch kann auch die Nachfrage, die in die zigtausend Stück geht und auch aus Wien und Vorarlberg kommt, nur beschränkt erfüllt werden.“ Bis 2. April waren die ersten 150 Stück für die Stadtgemeinde Gmünd und viele Privatpersonen, die sich von selbst gemeldet hatten, erzeugt.

Vier Näherinnen widmen sich nun in Zusammenarbeit mit anderen Projekten der Produktion von (nicht-medizinischen) Masken. Aufgrund der Sicherheits-Maßnahmen werden parallel dazu das Lieferservice für Private und der Lebensmittel-Laden (7.40-12 Uhr) auf Sparflamme weiter betrieben.

„Masken mit Tragekomfort“ und Überraschungen in Zwettl

 Auch die Nähgeschäfte in der Zwettler Innenstadt sind auf den Zug aufgesprungen. So näht etwa Nicoleta Mayer von der Schneiderei „Nadelherz“ bis zu 70 Masken pro Tag. „Wichtig ist es, Tragekomfort zu bieten. Die Leute müssen Luft bekommen, die Masken dürfen nicht zu eng sein“, erklärt Mayer.

Auch Daniela Penz von „Himmel Bett & Zwirn“ näht seit vergangener Woche intensiv. Die zweilagigen Masken aus Baumwolle können bei etwa 60 Grad gewaschen werden: „Ich habe weißen und bunten Stoff. Explizite Farbwünsche haben die Kunden bisher nicht, sie lassen sich von mir überraschen.“

TSZ: „Was wirklich Sinnvolles machen“

„Wir wollten in der Situation einfach etwas machen, das wirklich sinnvoll ist“, erzählt Andrea Zeinlinger. Im Gespräch mit Arzt Christoph Preissl und Isabella Kitzler von der Apotheke Gmünd-Neustadt habe man erfahren, dass Schutzkleidung, Masken und OP-Hauben fehlen.

Also haben Andrea und Dietmar Zeinlinger, die seit dreieinhalb Jahren mit der Firma TSZ (Textile Solutions Zeinlinger) in Süßenbach bei Kirchberg/Walde nachhaltige Leinenprodukte wie Seifensackerl, Bettwäsche aus Hanf oder reine Wolldecken erzeugen und im Shop „MaGu Home & Fashion“ neben Textilien auch Möbel oder Dekoratives verkaufen, rasch reagiert: Es wurden passende Materialien gesucht, Schnitte gezeichnet, Entwürfe genäht. Für Masken wurde ein 3-Schicht-System entwickelt“, sagt Dietmar Zeinlinger: „In der Mitte ist ein Nylongewebe ähnlich wie Ballonseide, das die Tröpfchendurchdringung extrem hemmt“ Die Masken sind in der Maschine waschbar. Produziert werden in Zusammenarbeit mit der Heidenreichsteiner Firma Framsohn aktuell rund 1.500 Stück täglich. Alle Materialen kommen aus der Umgebung, die Maske sei ein zu fast 100 Prozent österreichisches Produkt. Man verkauft allerdings nicht an den Endkunden – „das könnten wir logistisch nicht stemmen“ – sondern an Ärzte, Apotheken und kleine Geschäfte wie Nah & Frisch, die die Masken verwenden oder an ihre Kunden verkaufen können.

Maisi: Trachtiges Accessoire

Die nie um eine Idee verlegene Weitraer Trachtenlady Elfi Maisetschläger hat das Thema auf ihre Art aufgegriffen. Sie hat bei sich zu Hause, wie sie sagt, mit Unterstützung einer Ärztin trachtigen Mund-Nasen-Schutz kreiert, den sie in Zusammenarbeit mit österreichischen Partnern produziert und über ihren Online-Shop auch bereits in größeren Stückzahlen verkauft. „So können Arbeitsplätze erhalten bleiben“, freut sich „Maisi“, die zugleich so günstig wie möglich anbieten will: „Das sind wir unseren zahlreichen Kunden von nah und fern schuldig!“

Die Teile aus Baumwolle und Leinen sind zweilagig, nicht medizinisch und waschbar – und werden nach der Pandemie wohl Kult unter Trachtenfans sein.

Langschlag: Masken im Osternest

In Langschlag haben indes Hobbyschneiderinnen zur Selbsthilfe gegriffen. Um sich, ihre Familie und Freunde zu schützen, fertigen sie Masken. Um die Kids für das Tragen der ungewohnten Masken zu motivieren, verwenden sie Baumwollstoffe mit lustigen Motiven. Sie können mit 60° gewaschen werden. So gibt es heuer in vielen Osternestern neben Hasen und bunten Eiern nützliche Schutzmasken.

Selbstgeschneiderte Masken gibt es auch im Langschläger Spezialitätenladen zu kaufen, sie gehen weg wie die warmen Semmeln. Die Masken gibt es für Männer, Frauen und Kinder. Die verschiedenen Ausführungen wie einfache Form oder gefüttert, solche mit und ohne Bügel sind erhältlich.

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