Karl Immervoll: „Wir sind die Stimme der Stimmlosen“. Karl Immervoll tritt nach 37 Jahren in der Betriebsseelsorge ab. Ein Gespräch mit NÖN-Redakteur Markus Lohninger über ein Berufsleben für Arbeitslose.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 04. Juni 2020 (05:51)
Karl Immervoll , unter anderem Löwenherz- und dreifacher Papst-Leo-Preisträger, hat im Juli nach 37 Jahren in der Betriebsseelsorge Oberes Waldviertel in Heidenreichstein seinen letzten aktiven Arbeitstag.
M. Lohninger

NÖN: Herr Immervoll – nach 37 Jahren als Betriebsseelsorger im oberen Waldviertel treten Sie im Sommer in den Ruhestand. Was hat sich in Ihrem Berufsumfeld in diesen 37 Jahren rückblickend am stärksten verändert?

Karl A. Immervoll: Der Sozialbereich wurde zum Markt. Wir haben einst experimentiert und riskiert, erlebten teils spektakuläre Finanz-Situationen – aber den Druck von heute hatten wir nicht. Für die Lehrlingsstiftung Eggenburg hatten wir einst wegen des inhaltlichen Konzeptes Förderungen bekommen. Nach dem EU-Beitritt hieß es, sich in der internationalen Förder-Ausschreibung zu bewerben. Das AMS wusste, wir machen bessere Arbeit, aber die Kriterien waren Kosten und Vermittlungsquote an den Arbeitsmarkt. Gegen die deutsche Firma, die in Werksverträgen 18 Schilling die Stunde zahlt, verloren wir haushoch. In Gmünd wurde Sozial Aktiv einst gegründet, um den Schwächsten zu helfen. Heute müssen sie abwägen, wie viele der Schwächsten sie sich leisten können, um trotzdem die Quote zu erfüllen. Selbst AMS-Berater werden verheizt, weil sie immer mehr Menschen in kürzerer Zeit vermitteln müssen. Der Druck steigt.

Wer erzeugt diesen Druck?

Immervoll: Der Sparzwang hat sich spätestens mit Kanzler Klima in der Regierung durchgesetzt, übt vor allem am Ende der Gesellschaftspyramide Druck aus. Viele Arbeitslose gehen von Tür zu Tür, irgendwann hast du alle Firmen durch, klopfst wieder bei dem an, von dem du weißt, dass er dich nicht will – und der glaubt, dass du nicht willst. Die Spaltung der Gesellschaft steigt mit dem Druck. Auch wir bekommen Gelbwesten, wenn wir so weiter tun.

Wie kamen Sie einst zu ihrem Job als Betriebsseelsorger? Wie war da die Situation im Waldviertel?

Immervoll: Arbeitslosigkeit zieht sich als roter Faden durch mein Berufsleben. Sie hat mich immer beschäftigt – vor allem die Jugend ohne Job. Ich war zuerst mit je einer halben Anstellung Religionslehrer im Waidhofner Gymnasium und Jugendleiter für das damalige Dekanat Heidenreichstein mit dem Schwerpunkt Arbeiterjugend, Wielandsberg war der Drogenumschlagplatz Nummer eins. Vom Gym setzte mich der Bischof daher in die Berufsschule Schrems. Die Diözesansynode wollte 1972 Regional-Schwerpunkte für Betriebsseelsorge. Zwei Jahre lang bin ich Bischof Franz Zak mit meinem Konzept auf die Nerven gegangen, bis das Okay kam. Als ich 1983 begonnen hatte, brach gerade die Industrie im Waldviertel zusammen. Das Viertel war die Krisenregion schlechthin. Damals wie heute waren Jugendliche die Leidtragenden: Der höchste Anstieg der Arbeitslosigkeit durch Corona betrifft im Bezirk die Jugend, die Zahl der Lehrstellen ist rückläufig.

Wie erinnern Sie sich an die ersten Jahre der Betriebsseelsorge?

Immervoll: In den 1980er Jahren wurde ein soziales Netzwerk im Waldviertel gesponnen, das bis heute existiert. Es baute sich eine Projektszene auf, die einmalig in Niederösterreich war. Im Grenzlandausschuss der Katholischen Aktion der Diözese waren alle vertreten, auch Äbte und Dechante, alle Abgeordneten des Waldviertels. Der Ausschuss hat durch NÖN-Redakteur Ernst Gratzl gelebt. Ihm habe ich viel zu verdanken – er stand laufend mit einer Idee oder einem Problem vor der Tür. Daraus entstand zuerst als Jugendprojekt auch die Schremser Schuhwerkstatt. Es war keine bessere, aber eine andere Zeit. Wir hatten mit dem Waldviertel-Beauftragten Sepp Leichtfried und Adi Kastner als dessen Pendant in der Landesregierung zwei echte Schwergewichte. Sie haben uns viele Türen aufgemacht und denen dort gesagt, „Hört euch mal an, was die zu sagen haben und schaut, was ihr für sie tun könnt!“ Es gab einen extremen Zusammenhalt.

Wo sehen Sie eigentlich konkret Ihre Aufgabe?

Immervoll: Wir sind die Stimme der Stimmlosen, wollen ihnen unsere Stimme leihen, ohne sie zu bevormunden. Unsere Aufgabe ist dort, wo sonst niemand tätig werden kann. Nach 1983 entwickelten sich nach und nach Projekte, Konzepte, Ideen aus Begegnungen mit Menschen. Meine Frage an Arbeitslose war immer: „Was kannst du denn gut?“ Fabriksarbeiter wussten darauf oft keine Antwort, weil sie „nur“ in der Fabrik arbeiteten. Im Gespräch merkst du, wie viel oft da wäre. Oft sind daraus Projekte entstanden. Immer galt es abzustecken, wie viel Förderung es gab – und ob wir imstande sein würden, den Rest selbst zu finanzieren. Wenn ja, so konnte jemand zumindest vorübergehend beschäftigt sein, neue Fähigkeiten und Erkenntnisse erlangen, oder zumindest Ansprüche aufrecht erhalten.

Sie sprachen die Lehrlingsstiftung Eggenburg an. Was hatte es mit deren Gründung auf sich?

Immervoll: Die katholische Jugend kam im Zuge eines Arbeitskreises über die Jugendarbeit im Waldviertel zum Thema Jugendarbeitslosigkeit – zu mir. Die Idee reifte, eine Ausbildungsstätte für Jugendliche zu gründen. Von P. Sepp Schachinger von den Redeptoristen hörte ich, dass er eine Verwendung für das Kloster Eggenburg suchte. Das war für mich nicht wirklich Waldviertel, aber ich hatte Pfarrhöfe vergebens abgeklappert, und ein leerer Hof in irgendeinem Nest wäre schwerer erreichbar gewesen als Eggenburg mit dem Zug. Das Kloster bot Platz für das Lehrlingsheim und war aus noch einem Grund ein Glücksfall: Ging uns das Geld aus, renovierten wir Klosterteile, verdienten vor allem für die Tischler- und Malerwerkstatt unser eigenes Geld. Schon nach fünf Jahren waren gut 20 Betreuer und 80 Jugendliche aus dem ganzen Waldviertel dabei.

Wie bewerten Sie beruflich die Entwicklungen der Coronazeit?

Immervoll: Die Bildung ist wie immer Thema. Die Lehrer kennen ihre Schüler, aber die Regierung braucht fünf Wochen, um darauf reagieren zu können, dass viele gar keinen Computer haben – Kinder aus bildungsfernen Familien sind klar im Nachteil. Ich hatte mit Großeltern und Eltern oft schon zu tun, als sie noch Jugendliche waren. Viele hatten in Sachen Ausbildung, Lehrplatz, Job nie eine Chance. Welche Optionen haben diese nun, ihrem Kind zu helfen? Insgesamt kommt noch Dickes auf uns zu. Ich sprach mit Betriebsräten und Projektleitern: Viele Firmen wollten gleich alle rauswerfen, manche überzeugten wir, dass Kurzarbeit besser wäre. Teils bereue ich es fast: Durch den Zwang, vorzufinanzieren, leidet vor allem das Kleingewerbe massiv. Auch mein Start in der Betriebsseelsorge war von Krise geprägt, aber diese ist anders.

Inwiefern?

Immervoll: Ich habe nie Sorgen so vieler Menschen über ihre Zukunft gehört, es herrscht große Verunsicherung. Kurzarbeit bedeutet nicht, dass ein Job gesichert ist. Auch gestundete Raten sind irgendwann zu zahlen. Wir stehen vor einem Sparpaket, es trifft immer die Gleichen. Beispielsweise die Besteuerung des 13. und 14. Gehaltes für Kurzarbeitende – die bekommen eh schon weniger, dann werden sie nachträglich wieder benachteiligt. Gerade jetzt wäre daher die Zeit für ein Grundeinkommen: Der Bund zahlt für Arbeitslose und Kurzarbeit sowieso, aber eine Grundsicherung würde Menschen die Existenzangst nehmen – die Chance geben, frei zu handeln, der Fantasie freien Lauf zu lassen, Neues zu probieren. Anerkennung ist ein Grundbedürfnis von uns Menschen, aber die bekommt nur, wer sich in die Gesellschaft einbringt.

Was hat Ihr einstiges Grundeinkommens-Projekt der Gesellschaft gebracht?

Immervoll: Durch das Projekt, das über Karl Fakler (Anm.: damals AMS NÖ) mit dem Verein Arche als Experiment gestartet wurde, bekam das AMS mehr als die Hälfte der 44 Teilnehmer langfristig aus der AMS-Statistik. Auch eigene Arbeitsplätze als Selbstständige wurden geschaffen, etwa durch eine Motorrad-Werkstatt in Heidenreichstein.

Wie kommt die Betriebsseelsorge im Regelfall zu ihren Kontakten?

Immervoll: Wir haben eine intensive Zusammenarbeit mit dem AMS, übernehmen dafür im nördlichen Bezirk bestimmte Agenden. Zusätzlich setzen wir von uns aus Angebote, sind viel draußen, um Menschen und ihren Problemen ins Gesicht zu schauen. Wir sprechen viel mit Betriebsräten. Die stehen in harten Zeiten in einem ganz besonderen Spannungsfeld – sie müssen die Anliegen der Beschäftigten, der Betriebsleitung und der Gewerkschaft im Blick haben.

Wie wird es ab Sommer mit der Betriebsseelsorge weitergehen?

Immervoll: Das fünfköpfige Team, das durch Diözese, AMS und teils frei finanziert wird, arbeitet weiter. Barbara Körner und Peter Preissl nehmen jeweils die Hälfte meiner Stunden dazu und machen die Ausbildung zu Betriebsseelsorgern.

Ihre persönliche Bilanz?

Immervoll: Ich werde oft gefragt, ob mein Job nicht irgendwann fad wird. Aber die Arbeit ändert sich permanent, es ist bis heute ein spannender Job – immer mit Blick auf Leute im Schatten der Gesellschaft und die Vergessenen. Ich habe nur mit Unterstützung Ehrenamtlicher begonnen, mehr und mehr eigene Mitarbeiterplätze dazu gewonnen. Durch uns wurden im Lauf der Jahre mehrere hundert Arbeitsplätze neu geschaffen… mehr als in einem mittelgroßen Betrieb.