WWV: Corona-Krise auch Chance für Neuanfang. WWV-Group sieht nicht nur Schatten. Aber: Einige wird‘s erwischen.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 04. Juni 2020 (05:56)
Die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 bieten auch Chancen, finden Harald Buchhöcker (r.) und Leopold Kaufmann-Grümeyer von der WWV-Group.
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Über den konkreten Schaden, den der Corona-Shutdown in unserer Unternehmer-Landschaft hinterlassen wird, sind sich Harald Buchhöcker und Leopold Kaufmann-Grümeyer nicht ganz einig. Aber, so die Geschäftsführer der WWV-Group in Gmünd als größte eigenständige Steuer- und Unternehmensberatungs-Kanzlei des Waldviertels: „Wer sich jetzt gut aufstellt, das Maximum aus der Situation rausholen, seine Schwächen korrigieren und die Fixkosten senken kann, der wird weiter bestehen.“

Wie der Stich in den Ameisenhaufen

Die Lage sei maximal angespannt, wie nach dem Stich in einen Ameisenhaufen. Das sei auch die Chance, die sprichwörtlich in jeder Krise steckt. Etliche Betriebe hätten diese bereits genutzt, etwa in Gastronomie und Handel sei vielfach Flexibilität bewiesen worden. „Teilweise haben sich neue Investitions-Überlegungen oder beteiligungsmäßige Verstrickungen ergeben“, sagt Buchhöcker: „Strukturen können jetzt umgestellt, Betriebe langfristig auf Kurs gebracht werden.“ Das Hotel-Restaurant Goldener Stern sei etwa mit WWV-Begleitung durch die via NÖN berichtete Übernahme direkt aus der Krise in eine gute Zukunft geführt worden.

Für ein anderes Waldviertler Hotel, das nach Investitionen von sechs Millionen Euro aus privaten Mitteln durch den Corona-Bankencheck gefallen sei, könne das Ende wohl abgewendet werden. Kaufmann: Der Deal stehe vorm Abschluss, „wir brachten Investoren ins Boot, die 500.000 Euro einbringen wollen. Plötzlich winken über eine neue Bank weitere 300.000 Euro aus dem Hilfsfonds.“ – Ohne Check der Bank gebe es, anders als früher, keine Förderzusage. Deshalb werde ein von WWV entwickelter Liquiditäts-Rechner auch von Förderstellen und Mitbewerbern oft als Barometer genutzt. „Er erlaubt die Bewertung der Situation, Vergangenheit und der Aussichten eines Betriebes in kurzer Zeit – vereinfacht damit den Entscheidungsprozess“, so Kaufmann.

Mit wem man einen Krieg gewinnen kann

In Sachen Personal habe die dunkle Coronazeit den zentralen Faktor Mensch ins Rampenlicht gerückt. Kaufmann: „Genau in dieser Situation kristallisiert sich heraus, mit welchen Mitarbeitern man einen Krieg gewinnen kann. Wer sich jetzt motivieren und mitziehen lässt, mit dem kann ich‘s schaffen!“ Die besten Leute würden sich heute ihre Firma aussuchen, nicht umgekehrt – wer an sie nicht herankommt, müsse die Gründe hinterfragen. Gerade noch vor Corona habe die 27. Mitarbeiterin aus fünf Kanzlei-Angeboten WWV gewählt – wegen des passenden Umfeldes.

Auch das WWV-Team sei in den vorigen zweieinhalb Monaten mit teilweise Homeoffice, Nacht- und Wochenend-Schichten gewachsen, habe den Wert von Videokonferenzen schätzen gelernt oder gemerkt, dass viele berufliche Wien-Fahrten eigentlich gar nicht nötig wären.

Kurzarbeit oft „Signal der Wertschätzung“

Vor allem im Dienstleistungs-Bereich sahen Buchhöcker und Kaufmann gute und schlechte Beispiele für den Umgang mit der Situation. Wo etwa in der Gastro Kurzarbeit der Kündigung vorgezogen wurde, komme dieses Zugeständnis zurück, sagt Buchhöcker: „Es war ein Signal der Wertschätzung an die Mitarbeiter.“ Er bewertet das Kurzarbeits-Modell positiv, man habe einige Hundert Anträge auch für Kunden gestellt, „die sich in anderen Kanzleien nicht gut betreut gefühlt hatten“ und damit Förderungen von mehr als 20 Millionen Euro ausgelöst.

Die Allgemeinheit wird seit Beginn der Corona-Intensivphase auch durch ein wöchentliches Online-Video zu Details aus dem Förder- und Bürokratiedschungel informiert – mit bis zu 8.000 Sehern pro Video.

Zurück zum Schaden

Was erwartet WWV in der Hinsicht für die Region? „15 bis 20 Prozent aller Betriebe wird‘s erwischen“, zuckt Kaufmann mit den Schultern. Buchhöcker: „Ich sage fünf Prozent.“ Die Divergenz verdeutlicht, wie schwer Prognosen aktuell zu treffen sind. Das Coronatief wird weit in die Zukunft ausstrahlen. Lange wird man sich mit Zahlen, Förderoptimierungen, Fixkosten-Senkung und natürlich Personalfragen befassen müssen. Die Ertragsseite ist aus der Sicht von WWV schwerer zu beeinflussen als die Kostenseite, dennoch sehen sie auch hier durch steigendes Regionalbewusstsein Chancen dafür, dass der Geldabfluss aus dem Land geringer wird.

Der globale Blick

Zur Dimensionierung des Problems lohne zudem der globale Blick, rechnet Kaufmann vor: Italien sei etwa schon vor Corona mit Staatsschulden von über 3.000 Milliarden Euro 40 Prozent überm BIP gelegen. Zwei Drittel des BIP seien Dienstleistungen, fast 80 Prozent davon kämen wiederum aus dem Tourismus – der nun massiv leide. An die 500 Milliarden Euro und damit so viel wie Österreichs gesamte Wirtschaftsleistung pro Jahr brauche das Land, um die Krise durchzustehen – auch hier Uneinigkeit, Buchhöcker: „Es gibt andere Zahlen…“ Jedenfalls, so Kaufmann: Der Griechenland-Schutzschirm habe einst nach zähem Ringen nicht einmal 170 Milliarden Euro umfasst, „Italien braucht dreimal mehr, und dabei reden wir von anderen Ländern noch gar nicht. – Woher kommt dieses Geld?“