Amstetten macht reinen Tisch. Ehrenbürger | Ehrung für Paul Scherpon wird widerrufen – aber auch jene für Dollfuß, Starhemberg und Fey.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 28. April 2014 (12:10)
Die Ehrenbürgerschaftsurkunde für Engelbert Dollfuß.
NOEN, privat
AMSTETTEN / Die Diskussion um die Ehrenbürgerschaft von Paul Scherpon (wegen seiner umstrittenen Aussagen über die Amstettner Juden) zieht sich jetzt schon über zwei Jahre hin. Doch am 14. Mai will der Gemeinderat einen Schlussstrich ziehen. Und um ähnliche Debatten in Zukunft auszuschließen, soll überhaupt gleich reiner Tisch gemacht werden. Amstetten hat nämlich auf seiner Ehrenbürgerliste noch einige andere Personen mit fragwürdigem historischen Hintergrund: Engelbert Dollfuß, Ernst Rüdiger von Starhemberg und Emil Fey. Ihnen soll ebenso wie Paul Scherpon rückwirkend die Auszeichnung aberkannt werden.

„Es ist zwar rein gesetzlich so, dass mit dem Tod die Ehrenbürgerschaft ohnehin erlischt. Wir wollen uns aber nochmals klar und deutlich von jeglichem nationalsozialistischen und faschistischen Gedankengut distanzieren“, sagt SP-Fraktionssprecher Anton Katzengruber. Es habe auch ein Gespräch von Bürgermeisterin Ursula Puchebner mit den Angehörigen von Paul Scherpon gegeben und da sei man auf Verständnis für diesen Schritt gestoßen.

„Wir sollten das Thema damit endgültig abschließen“

Katzengruber weist freilich darauf hin, dass nicht nur die SPÖ, sondern ja auch die ÖVP „Altlasten“ aus der damaligen Zeit habe. Erst vor Kurzem ist ja im Bund wiedereinmal eine Diskussion aufgeflammt, weil das Bild von Engelbert Dollfuß (dem Gründer des austrofaschistischen Ständestaates) noch immer im ÖVP-Parlamentsclub hängt. Die Partei sieht nach wie vor keinen Anlass, das Porträt zu entfernen. Die Ehrenbürgerschaft in Amstetten erhielt Dollfuß am 7. Mai 1934.

ÖVP-Vizebürgermeister Dieter Funke hat kein Problem damit, dass diese widerrufen werden soll: „Ich bin sehr dafür, tabula rasa zu machen und sich von allen Personen, bei denen man nur in Ansätzen den Verdacht haben könnte, sie hätten sich in ihrem Leben etwas zuschulden kommen lassen, in einem symbolischen Akt klar zu distanzieren.“ Dies sei ein Schritt, den man den Amstettnern zuliebe setzen müsse, denn die Diskussion um die Causa Scherpon habe dem Ansehen der Stadt natürlich Schaden zugefügt.

Auch für Grünmandatar Gerhard Haag ist es wichtig, ein Zeichen in Form des Widerrufes der Ehrenbürgerschaft zu setzen. „Wir sollten das Thema damit endgültig abschließen. Wenn man da gleich noch andere fragwürdige Auszeichnungen widerruft, dann ist das nur in meinem Sinne.“

FPÖ will Formulierung des Widerrufs abwarten

FPÖ-Gemeinderat Gernot Huber gibt den Grünen die Schuld an der Diskussion, die Amstettens Ansehen in Österreich geschadet habe. „Denn sie haben das vor zwei Jahren zum Thema gemacht, was unnötig war, weil die Ehrenbürgerschaft mit dem Tod ja ohnehin erlischt.“ Auch die 8.000 Euro für das Gutachten hätte sich die Stadt seiner Ansicht nach leicht sparen können. „Waidhofen hat es vorgemacht, wie es geht. Dort wurde damals bei der Diskussion um die Hitler-Ehrenbürgerschaft ein Feststellungsbeschluss gemacht, dass eben keine Ehrenbürgerschaft mehr bestehe, weil sie mit dem Tod erloschen sei. Das hätten auch wir in Amstetten tun sollen, damit wäre das Thema beendet gewesen.“

Für Huber ist es zwar ebenfalls wichtig, einen symbolischen Akt zu setzen, ob seine Partei dem Widerruf der Ehrenbürgerschaften zustimmen wird, werde aber von der Formulierung abhängen. „Diese soll ja nächste Woche im Ausschuss diskutiert werden. Erst danach werden wir entscheiden, wie wir uns im Gemeinderat dazu stellen“, sagt der FP-Gemeinderat.

Wissenwertes über Amstettens Ehrenbürger

• Engelbert Dollfuss: Begründer des Ständestaates. Regierte ab 5. März 1933 diktatorisch. Er verbot die Sozialdemokratie, lehnte aber auch den Nationalsozialismus deutscher Prägung ab. Er führte Pressezensur und Standrecht ein und ließ Menschen hinrichten. Im Juli 1934 wurde er beim Putschversuch österreichischer Nationalsozialisten ermordet.

• Ernst Rüdiger von Starhemberg: War von 1930 bis 1936 Bundesführer des Heimatschutzes. Er unterstützte den austrofaschistischen Kurs von Dollfuß; nach dessen Tod von Juli 1934 war er noch bis 1936 Vizekanzler unter Kurt Schuschnigg. Er wurde dann aber von diesem entmachtet.
• Emil Fey: Heimwehrführer sowie Politiker der Ersten Republik und des Ständestaats. Als Gegner der Sozialdemokratie nutzte er seine Macht als Vizekanzler und Sicherheitsminister rücksichtslos, um die Sozialdemokraten zu bekämpfen.

EHRENBÜRGER SEIT 1945

• 27.2.1954: Hans Höller, Landtagsabgeordneter, Bürgermeister 1934-38 und 45. Ehrenbürger seit 27.2.1954.
• 6.8.1954: Kanonikus Laurenz Dorrer, Stadtpfarrer von Amstetten 1929-54.
• 6.3.1970: Wirklicher Hofrat Hermann Lindermann, Bezirkshauptmann 1953-70.
• 15.9.1967: Kommerzialrat Sepp Schmid, Bürgermeister von 1955-65.
• 20.6.1975: Erzdechant Heinrich Pichler, Stadtpfarrer von 1954-73.
• 15.9.1967: Regierungsrat Paul Scherpon, BH-Stellvertreter 1933-38, Landrat 1938-45, 2. Vizebürgermeister 1955-65.
• 23.4.1982: Kommerzialrat Josef Umdasch, Unternehmer, Förderer von Kultur und Sport.
• 21.11.1989: Professor Josef Freihammer, Bürgermeister 1978-88.
• 28.4.1999: Margarete Horvatits, von 1955-2000 im Gemeinderat, Stadträtin von 1965-75, Vizebürgermeisterin von 1978-2000.
• 6.3.2012: Herbert Katzengruber, Bürgermeister 1988-2011.