Bildungsdirektor: „Die Veränderung geht in Substanz“. Bildungsdirektor Johann Heuras über die Vorteile der neuen Bildungsregionen, die Leistungsniveaus an den Mittelschulen und Direktorenbestellungen.

Von Hermann Knapp. Erstellt am 10. September 2019 (04:53)
Bildungsdirektion
Bildungsdirektor Johann Heuras (rechts) mit dem neu ernannten Bildungsmanager Josef Hörndler.
 

Das neue Schuljahr bringt gravierende Neuerungen im Bildungssystem mit sich. „Die Bildungsreform 2017 hat wesentlich größere Auswirkungen, als viele Leute glauben. Es ist eine Veränderung passiert, die in die Substanz hinein geht“, sagt Bildungsdirektor Johann Heuras.

Schon im Vorjahr wurde ja der Landesschulrat zur Bildungsdirektion umfunktioniert. „Wir haben da eine völlig neue Struktur geschaffen – eine sogenannte Bund-Land-Behörde, die sowohl Bundes- als auch Landesanforderungen zu berücksichtigen hat. Die große Herausforderung war, dass wir künftig Landes- und Bundesschulen betreuen. Allein die finanziellen Zuständigkeiten zu klären, war äußerst komplex. Plakativ gesagt: Wir mussten sozusagen herausrechnen, welcher Radiergummi in der Bildungsdirektion nun Landeszeilen und welcher Bundeszeilen löscht, um das dann auch dem jeweiligen Budget zuschlagen zu können“, sagt Heuras. Man habe versucht, die Umstrukturierung möglichst leise abzuwickeln, um in den Schulen keine unnötige Unruhe zu erzeugen.

„Ich denke, das ist auch gelungen. Wir haben den Prozess nun weitgehend abgeschlossen und sind auch personell gut aufgestellt“, betont der Bildungsdirektor, dem künftig ein Leiter für inneren Dienst und Verwaltung sowie für den pädagogischen Dienst zur Seite stehen wird.

„Ich verlange mehr Vernetzung und Zusammenarbeit von den Schulen und Schularten, also den Blick über den Tellerrand!“Bildungsdirektor Heuras

Mit 1. September wurde die Bildungsreform nun auch für die Schulen schlagend. In Niederösterreich gibt es künftig sechs Bildungsregionen (bisher fünf), die für die gesamte Bildungslandschaft zuständig sind – also nicht mehr nur für die Pflicht-, sondern auch für die höheren Schulen. „Das ist ein Paradigmenwechsel, den ich aber sehr begrüße, weil ich der Ansicht bin, dass wir Bildung gesamtheitlich sehen müssen. Mit dieser Regionalisierung verlange ich auch mehr Vernetzung und Zusammenarbeit von den Schulen und Schularten – also den Blick über den Tellerrand “, sagt Heuras. Er erwartet sich auch, dass der Konkurrenzkampf der Schulen um die Kinder nachlässt und das Schulsystem insgesamt durchlässiger wird.

Umsetzen müssen das die Leiter der Bildungsregionen – im Mostviertel wurde Josef Hörndler mit September offiziell bestellt – mit ihrem Team von Qualitätsmanagern. Sie stehen da natürlich vor einer großen Herausforderung, da sie bisher ja nur für Pflichtschulen zuständig waren. „Wir teilen aus diesem Grund jeder Bildungsregion auch einen Qualitätsmanager zu, der bisher für höhere Schulen zuständig war, um den Übergang zu erleichtern. Ziel ist es aber schon, dass das gesamte Team einer Bildungsregion sich gemeinsam um alle Schulen kümmert“, sagt Heuras.

Mehr Klarheit für Schüler und Eltern

Große Veränderungen kommen mit der Bildungsreform auf die Neuen Mittelschulen zu, die jetzt nur mehr Mittelschulen heißen. Dort müssen spätestens ab dem Schuljahr 2020/21 ab der sechsten Schulstufe zwei Leistungsniveaus in den Fächern Mathematik, Deutsch und lebende Fremdsprache eingeführt werden: Standard und AHS-Standard. Für das Schuljahr 2019/20 stand es den Schulen noch frei, dieses System zu übernehmen. „Wir haben alle Neuen Mittelschulen in NÖ eingeladen mitzumachen und 71 haben sich dafür entschieden; in der Bildungsregion Mostviertel sind es vier“, sagt Heuras.

Wie sie den Unterricht in den verschiedenen Leistungsniveaus gestalten, können die Schulen im Rahmen ihrer Autonomie selbst festlegen. Das kann durch Teamteaching (zwei Lehrer unterrichten in einer Klasse beide Niveaus) geschehen, oder auch durch die Schaffung von zwei eigenen homogenen Gruppen. Der Dolchstoßlegende, dass Kinder mit dem Leistungsniveau Standard nach Abschluss der Mittelschule keine höhere Schule besuchen können, tritt Heuras entschieden entgegen. „Wenn ein Schüler in den betreffenden Fächern Einser oder Zweier hat, kann er auf jeden Fall in eine höhere Schule wechseln, hat er eine schlechtere Note, muss er halt eine Aufnahmeprüfung absolvieren.“

Heuras ist überzeugt davon, dass die Kinder mit dem neuen System viel weniger in Schubladen gefangen sind, als sie das bisher waren. „Die Durchlässigkeit zwischen den beiden Niveaus ist sicher wesentlich stärker. Zudem haben sich mit dem bisherigen System der vertiefenden und grundlegenden Noten viele Eltern nicht ausgekannt. Ich halte es für gescheit, dass wir das über Bord geworfen haben. Jetzt wird alles viel klarer.“

Der Bildungsdirektor ist voll des Lobs für die ausgezeichnete Arbeit der Mittelschulen in der Bildungsregion Mostviertel (BR 3). Diese zeige sich auch daran, dass nur rund 20 Prozent der Volksschüler nach der vierten Klasse ins Gymnasium wechseln. Niederösterreichweit sind es 40 Prozent. „Dieser Wert ist meiner Meinung nach viel zu hoch, weil man Kinder in Stresssituationen bringt und überfordert, sodass sie Nachhilfe brauchen. Das ist nicht gut für ihre Entwicklung.“ In den Regionen rund um Wien, berichtet Heuras, würden 50 bis 60 Prozent aller Volksschüler in ein Gymnasium wechseln, „was aber auch mit Migration und dem Stolz der Eltern zu tun hat.“

Der Bildungsdirektor ist zuversichtlich, dass durch den neuen Beurteilungsraster das Leistungsniveau der Kinder realistischer eingeschätzt werden kann, zumal man an den Schulen ja ein Jahr Zeit hat, die Schüler und ihre Entwicklung zu beobachten. Um die Mittelschulen zu stärken, will ihnen Heuras auch zusätzliche Möglichkeiten zur Spezialisierung geben. „Wir haben in Niederösterreich ein Pilotprojekt gestartet und neben den Schwerpunkten Sport und Musik auch einen Schwerpunkt Naturwissenschaft und Technik eingeführt. Ybbsitz ist da in der Region eine Pilotschule, die dafür auch zusätzliche Ressourcen bekommen hat.“

Eine gravierende Änderung steht mit diesem Schuljahr auch in den Volksschulen an. Ab dem zweiten Semester der zweiten Klasse müssen neben einer mündlichen Beurteilung wieder Noten vergeben werden.

Für alle Schulen ist neu, dass die Stunden nicht mehr genau 50 Minuten dauern müssen und dass auch die Klassenschülerhöchstzahl von 25 nicht mehr in Stein gemeißelt ist. Da räumt die Bildungsreform den Schulen Spielraum ein. An den von Gemeinden oft kritisierten Schulsprengeln wird vorerst allerdings nicht gerüttelt.

Direktorenbestellung wurde neu geregelt

Neu geregelt wird das Prozedere bei der Besetzung von Direktorenposten. War dafür bisher ein Kollegium zuständig, in dem auch die politischen Parteien vertreten waren, so entscheidet künftig ein Gremium, das aus Bildungsdirektor, Pädagogischer Leitung der Bildungsdirektion und zwei Vertretern von Gewerkschaft und Personalvertretung besteht.

Die Bewerber müssen sich zuvor dem Hearing eines externen Personalberatungsbüros stellen. Der Bund hat eine Ausschreibung gestartet, die Vergabe an einen Personalberater ist aber noch nicht erfolgt. „Solange das nicht geschehen ist, können wir das neue Verfahren nicht anwenden. Deshalb habe ich alle neuen Schulleiter vorerst auch nur mit ihrer Aufgabe betraut. Der Vorteil: Es gibt den Betreffenden die Möglichkeit sich zu bewähren“, sagt Bildungsdirektor Johann Heuras.

Dass künftig die Direktoren entscheiden können, welche neuen Lehrer an ihre Schulen kommen, sieht Heuras nicht nur positiv. „Bei den höheren Schulen wird das ja schon praktiziert und ist kein Problem. Bei den Pflichtschulen ist die Sachlage komplexer: Zum einen, weil sich Lehrer meist an mehreren Schulen bewerben und es schwer wird, den Überblick zu wahren, zum anderen kann es auch zum Versuch von politischer Beeinflussung des Direktors kommen.“ Im Zweifelsfalle hat aber die Bildungsdirektion das letzte Wort.

Umfrage beendet

  • Zwei Leistungsniveaus in den Mittelschulen: Gute Idee?