BildungsKonzil Heldenberg – Diskutieren ohne Tabus. Drei Tage lang wird am Heldenberg in kleinen Gruppen diskutiert, wie sich Kulturen im Wandel der Bildung entwickeln. Der Fokus liegt dabei auf dem Fachkräftemangel. Erste Ergebnisse werden am Samstag vorgestellt.

Von Sandra Frank. Erstellt am 19. September 2019 (15:53)

Der Heldenberg ist aktuell Schauplatz des sogenannten „BildungsKonzils“. In insgesamt zwölf Denkräumen wird das Thema „Kulturen im Wandel der Bildung“ mit speziellem Fokus auf den herrschenden Fachkräftemangel aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Mit dem „BildungsKonzil Heldenberg“ begründete die NÖ Wirtschaftskammer ein Format, das Fragehorizonte erweitern und gesellschaftliche Aufgaben formulieren soll.  

„Es ist so spannend, wie sie sich einbringen“, erzählte WKNÖ-Präsidentin Sonja Zwazl bei der Eröffnung am Donnerstag, wie beeindruckt sie von den Prozessen in den Denkräumen der vergangenen beiden Jahre ist. „Es ist ein Diskutieren ohne Tabus.“

Etwa die Hälfte der Teilnehmer sind bei den Organisatoren bereits als „Wiederholungstäter“ bekannt. Über diese freute sich auch der Hausherr, Bürgermeister Peter Steinbach. „Danke an die 50 Prozent der Neuen. Dank Ihnen darf ich wieder etwas über die Gemeinde erzählen.“ 


Was wird aus den Menschen, die nach Österreich kommen?

In der ersten Keynote des Tages sprach Roland Goiser, stellvertretender Direktor des österreichischen Integrationsfonds, darüber, was aus den Menschen geworden ist, die zwischen 2007 und 2017 nach Österreich gekommen sind. Menschen aus Syrien, Afghanistan oder der russischen Föderation hatten ihre Länder verlassen, um in Österreich Asyl zu bekommen. Zehn Jahre später waren nur noch 42 Prozent davon in Österreich, 58 Prozent davon waren erwerbstätig. 71 Prozent der Personen aus Drittstaaten waren nach zehn Jahren in Österreich erwerbstätig.

EU-Bürger machen etwa zwei Drittel der Zuwanderung aus, überwiegend, um hier zu studieren. „So schlecht, wie alle sagen, kann unser Bildungssystem dann nicht sein“, meint Goiser. 


Von der "Sippe" zur modernen Kernfamilie

Gudula Walterskirchen ist nicht nur NÖN-Herausgeberin, sondern im Brotberuf Historikerin. Sie gab im Heldenberger Automobilmuseum einen Abriss über die Entwicklung der Familie. Die moderne Kernfamilie gebe es erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. Begonnen habe alles mit einer „Sippe“, einer größeren Gruppe von Menschen, einer Überlebens- und Sicherheitsgemeinschaft, wie Walterskirchen es nannte. 

Eine große Änderung im Familiengefüge kam mit der Industriellen Revolution: Erst mit dieser war die Gründung einer Familie für alle möglich. „Familie, Arbeit und Bildung waren eine Einheit“, sprach die Historikerin von einem Umstand, der sich mittlerweile geändert hat, und zwar durch die neue Freiheit und Glück für alle. Was auch bedeutet, dass Ehen geschieden werden können. „Der wirtschaftliche Fortbestand war wichtiger als emotionales Glück.“

System bricht zusammen, wenn Kind krank ist

Dass Familie, Arbeit und Bildung heute nur noch selten eine Einheit bilden, führe zu Problemen. „Kinder zu haben ist heutzutage für Frauen immer noch ein Armutsrisiko“, verwies sie etwa auf Alleinerzieherinnen. 

Es gebe in Österreich zwar ein gut funktionierendes Unterstützungssystem und Familienfördermodelle, aber: „Das funktioniert alles nur so lange gut, bis das Kind krank wird. Dann bricht alles zusammen.“ Wer zu viele Pflegetage in Anspruch nimmt, muss Angst um seinen Job haben. Die Folge: Kinder werden krank in Kindergarten oder Schule geschickt. Ein Rückbesinnen auf Hausgemeinschaften wäre darum ratsam. „Die belastbaren jungen Menschen müssen erst einmal geboren, erzogen und ausgebildet werden.“


Wirtschaft soll menschliche Bedürfnisse mitdenken

Wenn man auf diese wichtigen ersten Schritte vergesse, brauche man sich nicht wundern, wenn es zu einem Fachkräftemangel kommt. „Es braucht ein Mitdenken der menschlichen Bedürfnisse in der Wirtschaft“, nannte Walterskirchen einen Lösungsansatz. Dieses Umdenken habe aufgrund des Fachkräftemangels schon begonnen. 

Auch wenn Frauen gerne alles schaffen wollen, Familie und Karriere zu vereinen, so sei dies aus Sicht der Historikerin schwer möglich. Zumindest, wenn man alles gleichzeitig haben will. „Ich verstehe nicht, warum alles zwischen 20 und 30 passieren muss.“


Zwazl: "Kinder haben Eltern und nicht nur Mütter!"

„Ich lasse mich als Frau nicht in die Opferrolle hineindrängen“, machte Sonja Zwazl ihren Standpunkt deutlich. „Kinder haben Eltern und nicht nur Mütter.“ An eben diesen Eltern liege es, auch die Burschen so zu erziehen, dass sie später den partnerschaftlichen Gedanken leben. „Die Männerwelt kann nicht anfangen, umzudenken“, mahnte Zwazl und nahm die Frauen in die Pflicht. Denn wenn jemandem angeboten wird, eine Sache für ihn zu erledigen, dann wird er dies dankend annehmen und nicht selbst machen. „Ich freu‘ mich ja auch, wenn bei mir jemand anderer die Fenster putzt.“

Mit diesen Impulsen zogen sich die Teilnehmer in ihre Denkräume zurück. Am Samstag werden erste Ergebnisse des „BildungsKonzils Heldenberg 2019“ präsentiert.