Kulturinitiative Sitzendorf: Zauber einer Uraufführung. Komponistin musste Besetzung von 60 auf 16 Musiker reduzieren. „Vielleicht genau dort ein Reiz.“

Von Christian Pfeiffer. Erstellt am 08. Mai 2021 (04:38)
Schubert (Daniel Prohaska) ohne Perücke und auch sonst entblößt, versucht, zumindest seine Musik festzuhalten, aber auch die droht ihm zu entgleiten.
Christian P. Zach, Christian P. Zach

Die Mitglieder der Kulturinitiative Sitzendorf werden den vergangenen Freitagabend wohl vor dem Computer verbracht haben, um die neue Oper der hier ansässigen Komponistin Johanna Doderer am Münchener Gärtnerplatztheater zu verfolgen. Bereits letzte Saison sollte ihr Einakter „Schuberts Reise nach Atzenbrugg“ seine Uraufführung feiern, doch erst jetzt kam es zu einem Livestream der Vorpremiere.

Doderer selbst sagte vor der Aufführung über das Zustandekommen zur NÖN: „Grenzen und Auflagen ohne Ende, aber vielleicht liegt genau dort auch ein Reiz. Ein Orchester von 50 bis 60 Musikern auf eine Kammermusikbesetzung von 16 Musikern zu reduzieren und umzuinstrumentieren – aber so, dass es immer noch nach großem Orchester klingt – dort liegt die Kunst.“

„Für die provokante Dramatik in seinen Stücken konnte ich mich immer schon begeistern.“ Johanna Doderer, begeistert von der Zusammenarbeit mit Peter Turrini

Corona-bedingt konnte im Gärtnerplatztheater nicht das gesamte Orchester aktiv werden, weswegen die Komponistin den bereits rund 20 Fassungen eine weitere hinzufügen musste.

Josef E. Köpplinger, Intendant des Theaters und Regisseur, konnte für die Schubert-Oper mit einem literarischen Schwergewicht als Librettisten aufwarten: Peter Turrini. Doderer zeigt sich mehr als begeistert von der Zusammenarbeit mit dem „großen Provokateur“, der ebenfalls im Bezirk Hollabrunn lebt: „Er war und ist für mich ein großer Schriftsteller. Für die provokante Dramatik in seinen Stücken konnte ich mich immer schon begeistern.“

Turrini rekapitulierte das Glück der Zusammenarbeit kurz vor der Premiere in einem Telefonat mit Köpplinger und Doderer; er habe das Projekt auch deshalb mit so viel Freude angenommen, „weil es eine gemeinsame Zukunft mit Frau Doderer versprach“. Was es heißt, sich nicht gegenseitig seiner Gefühle zu versichern oder gar nur darüber zu reden, ist das Thema der Oper. Der Protagonist, der unfähig ist, sich seiner Angebeteten gegenüber auszudrücken, ist weltberühmt – Franz Schubert.

Trostloses Leben, aber „so schöne Lieder“

„Es hat mich schon immer fasziniert, dass Schuberts oftmals trostloses Leben so schöne Lieder hervorgebracht hat“, sagt Turrini, der sein Libretto ganz in den Dienst der Musik gestellt hat, und dessen Worte – „Die Wirklichkeit ist immer eine verpatzte Angelegenheit“ – vielleicht gerade deshalb bestens platziert wirken.

Die Musik stand neben der Herausforderung, sich mit Schuberts Kompositionen messen zu müssen, auch vor der Frage: Wie drücke ich die Sprachlosigkeit eines Komponisten aus?

Johanna Doderer hat dafür gleich mehrere Lösungen gefunden. Einmal ist der famose Daniel Prohaska als Schubert in einer Aneinanderreihung von Vorspielen gefangen, mal führt es zu den innigsten Momenten der Figur, wenn er sich zwar nicht seiner geliebten Josepha offenbart, aber einen inneren Monolog seiner Unfähigkeit mit sich selbst führt. „Dass er fast wie ein Gott der Musik gefeiert wird, verschlimmert seine Situation“, formuliert es die Komponistin – und das vermittelt sich auch.

Die Sensation einer Uraufführung, wenn auch nur in Form einer digitalen Vorpremiere, verlieh der Darbietung einen besonderen Zauber. Das spielfreudige Ensemble, dem schauspielerisch einiges abverlangt wurde, erzeugte eine Energie, die den Zuschauer im Theatersessel wähnen konnte. Und Daniel Prohaska, der schon bei Doderers 2016 uraufgeführter Oper „Liliom“ die Hauptrolle sang, berührt als Schubert über die Maßen. Zukünftige Interpretatoren werden sich an ihm messen lassen müssen.