SBZ-Leiterin: „Homeoffice nutzt bei uns nichts“. Hollabrunn: Eva Kreiner, Leiterin des Sonderpädagogischen Betreuungszentrums und ihr Team nehmen die Coronakrise gelassen. „Das ist eine professionelle Tugend“, sagt sie.

Von Sandra Frank. Erstellt am 20. November 2020 (03:21)
Das Café Hollakoch, das vom SBZ betrieben wird, ist seit dem ersten Lockdown für die Öffentlichkeit geschlossen. Nur Mitarbeiter dürfen hier – mit Abstand – essen oder Kaffee trinken.
Sandra Frank

Im Sonderpädagogischen Betreuungszentrum in der Elsa Brandströmstraße 1 sind 70 Mitarbeiter im Einsatz, um Kinder und Jugendliche, die aus einem schwierigen familiären Umfeld kommen, zu betreuen. Die NÖN sprach – bevor der zweite „harte“ Lockdown verkündet wurde – mit Leiterin Eva Kreiner und Katharina Fuchsberger, Leiterin der Sozialpädagogischen Abteilung, über deren Erfahrungen.

Wann haben Sie im Frühjahr realisiert, dass hier eine besondere Situation auf Sie zukommen wird?

Eva Kreiner: Wir haben den Februar schon verstärkt beobachtet und den März dann noch intensiver. Tatsächlich hatten wir am 13. März schon eine Krisenstabssitzung, noch bevor der Lockdown bekannt wurde.

Ist es einfacher, mit einer solchen Situation umzugehen, wenn man beruflich ständig mit Notfällen und Krisen zu tun hat?

Kreiner: Ja, das sicher. Seit ich hier Direktorin bin, gibt es einen Krisenstab. Wir binden auch den Zivilschutz ein und sind fit für Krisen. Wir hatten wir eher mit einem Blackout gerechnet, als mit einer Pandemie von diesem Ausmaß.

Wie war die Situation im ersten Lockdown?

Kreiner: Wir haben die organisatorischen Weichen gestellt, damit die Betreuung der Kinder weitergeht. Bei einigen haben wir die Elternverantwortung übernommen. Für viele unserer Kinder und Jugendlichen ist gerade die Schule ein Stück Normalität und ein Raum der Begegnung. Das ist massiv weggebrochen. Das war für die Kinder traurig, für einzelne hochtraumatisierend. Es sind Kinder und Jugendliche. Ihnen ihren Alltag so wegzunehmen, das war hart.

Katharina Fuchsberger: Das derzeitige Distance Learning wird jetzt fast noch schlimmer erlebt als im ersten Lockdown. Die Aufgaben sind wie in der Schule, aber die Schüler haben weniger Aufmerksamkeit von den Lehrern.

Gibt es etwas, das im ersten Lockdown gar nicht funktioniert hat?

Fuchsberger: Eigentlich nicht. Dadurch, dass unsere Jugendlichen Kontakte einschränken mussten, waren unsere Mitarbeiter sehr gefordert, noch mehr Emotionalität und Kreativität in die Betreuung zu legen. Es war wichtig, diesen Tagen Sinn zu geben und die Zeit wertvoll und gemeinsam zu nutzen.

Kreiner: Unsere Mitarbeiter haben in dieser Zeit viel Anerkennung von außen bekommen. Sie haben ja auch noch andere Verpflichtungen außerhalb ihres Berufs. Das schöne Homeoffice nutzt uns nichts; das geht in der Buchhaltung, aber nicht in der Betreuung.

Die Ausnahmesituation dauert nun seit März an. Wie gehen die Mitarbeiter damit um? Ist die Luft schon draußen?

Kreiner: Es ist eine schwierige Zeit, keine Frage. Aber sie ist machbar. Wir haben gelernt, uns nicht zu überengagieren. Die Balance halten, ist eine professionelle Tugend; unser Berufsethos ist: Wir sind da! Wir sind gewohnt, im Krisenmodus zu arbeiten. Jetzt haben wir eben eine Gesundheitskrise, die alle trifft, nicht nur unsere Schützlinge. In diesem Job lernt man, sich seine Energie und seine Emotionen so einzuteilen, dass man auch eine Langstrecke laufen kann.

Fuchsberger: Im Sozialpädagogischen Feld bist du organisiert und strukturiert. Das sind unsere Steckenpferde. Darum kann man auch in so einer Krise Berufliches und Privates gut organisieren. Es ist belastend, aber damit können wir umgehen. Wir bringen unsere Leistungen und sind stolz darauf. Es freut uns aber, dass wir mehr wahrgenommen werden und zum Beispiel von einem Nachbarn eine Osterhasen-Schoko-Spende bekommen haben.

Welchen Unterschied nehmen Sie zum ersten Lockdown wahr?

Fuchsberger: Die Kinder sind jetzt mehr im Widerstand und in der Rebellion. Da werden sie von uns gut aufgefangen. Auch damit kennen wir uns aus.

Wie gehen die Kinder und Jugendlichen mit dieser neuen Art der Krisensituation um?

Kreiner: Das ist individuell sehr unterschiedlich. Manche haben Angst. Aber das ist eine gesunde Reaktion. Wir haben im ersten Lockdown sogar positive Erfahrungen gemacht. Die Abhängigkeiten – also dass sich Jugendliche unerlaubt entfernen, ihre Betreuer nicht wissen, wo sie sind und sie auch nicht erreichbar sind – haben mit dem Lockdown geendet. Sie sind dageblieben, weil sie gemerkt haben, dass es ernst ist.

Welche Erfahrungen haben Sie aus dem ersten Lockdown mitgenommen?

Fuchsberger: Dass es wichtig ist, mutige Entscheidungen zu treffen und schnell zu handeln. Auch, dass unsere technischen Möglichkeiten ausgebaut werden müssen. Wir mussten entscheiden: Was ist für jeden Einzelnen in der jeweiligen Situation nötig und wichtig?

Kreiner: Das ist eben unser Beruf, da geht’s ums Persönliche. Technisch müssen wir aufrüsten, das hat sich bestätigt. Und: Wir brauchen genügend, ausgebildetes und genügend gut ausgeruhtes Personal.

Es wird befürchtet, dass häusliche Gewalt steigen wird. Zeigt sich das in Ihrer Einrichtung bereits?

Kreiner: Wir arbeiten im Auftrag der Jugendhilfebehörde. Bis jetzt haben wir noch nicht mehr Anfragen als um dieselbe Zeit im Vorjahr. Wir vermuten, dass es sich erst in sechs Monaten bis einem Jahr bei uns bemerkbar machen wird. Zur Zeit werden andere Hilfen wie Beratungsstellen und ambulante Dienste in Anspruch genommen. Erst, wenn das nicht greift, dann kommen Einrichtungen wie wir zum Einsatz.