Adé Hollabrunner Schreibakademie: Wehmut & Mahnung. Gerhard Ruiss erzählt vom Wert der Literatur, dem Wandel der Sprache und seinem persönlichen Fazit.

Von Christian Pfeiffer. Update am 04. Juni 2020 (16:40)
Schwere Zeiten für die Kunst. Gerhard Ruiss als Sprecher der österreichischen Initiative „Kunst hat Recht“ bei der jüngsten Demo in Wien.
privat

Nach der Zwangspause wegen der Coronapandemie ist die Hollabrunner Schreibakademie wieder Feuer und Flamme und hofft auf zahlreiche Anmeldungen für das Herbstsemester. Doch es schwingt auch Wehmut mit, denn mit dem aus Ziersdorf stammenden Autor und Musiker Gerhard Ruiss hat die Gruppe einen kongenialen Referenten verloren. Die NÖN bat den 69-Jährigen zum Gespräch.

NÖN: Wie wichtig ist literarische Basisarbeit wie die der Schreibakademie?
Gerhard Ruiss:
So wie ich die Schreibakademie verstehe, trägt sie in erster Linie zur Persönlichkeitsentwicklung und Persönlichkeitsentfaltung bei. Es soll jede und jeder zu ihrem oder seinem persönlichen sprachlichen Ausdruck finden, ob jemand den Phantasiereichtum seiner Sprache, seine sprachliche Gewandtheit und sein Sprachverständnis nun später in einem Schreibberuf einsetzt oder nicht. Ein besseres Sprachverständnis, eine größere Ausdrucksfähigkeit ist ein tragfähiges Fundament in allen Tätigkeitsbereichen. Abgesehen davon kann ich besser durchschauen, was tatsächlich von jemandem gesagt wurde und bin nicht darauf angewiesen, immer sofort allen das Gesagte glauben oder auch das Gegenteil glauben zu müssen. Ich habe also Mittel in der Hand, um Mitteilungen zu verstehen und sie auf ihren Sachverhalt und Wahrheitsgehalt hin überprüfen zu können.

Was würden Sie einem jungen Menschen raten, der Schriftsteller werden möchte?
Ruiss:
Die beiden Schlüsselzugänge sind: zu lesen und zu schreiben. Wer das Lesen und das Schreiben dann nicht mehr lassen kann, hat gar keine andere Wahl, als damit zu leben. Das muss noch nicht bedeuten, dass man Schriftsteller wird, aber dass das Medium Literatur in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt ist. Man steht in einem ständigen indirekten Dialog mit allen anderen Schreibenden, die man liest, und ist beim Schreiben im ständigen Austausch mit sich selbst. Auf sich und seine Beziehungen zu anderen muss man aufpassen, mit sich und anderen muss man realistisch bleiben, mit seinen Texten kann alles anstellen; man kann sie für unantastbar erklären oder vernichten. Schreiben heißt vor allem Leidenschaft und ist eine anstrengende, erschöpfende Tätigkeit, die einen geistig, seelisch und – wegen der Konzentration – auch körperlich alles abverlangt, wer mit dem Schreiben Karriere machen möchte, wird schnell dahinter kommen, dass das auf so gut wie allen anderen Wegen leichter möglich ist.

Bräuchte es mehr Aufmerksamkeit für Projekte wie die Schreibakademie?
Ruiss:
Der Stellenwert der Schreibakademie und anderer solcher Projekte wird eindeutig unterschätzt; das ist die Bilanz, die ich aus meinem Jahrzehnt in der Schreibakademie Hollabrunn ziehen muss. Es waren und sind Einzelne, die ihre ganze Energie in solche Projekte stecken und aus solchen Projekten etwas Besonderes machen. Von den Voraussetzungen her wird alles andere wichtiger genommen. Das ist schon deshalb ein schwerer Fehler, weil es nicht um Spezialisierungen geht, sondern um Grundfertigkeiten, die einen in die Lage versetzen, genauso spontane Tischreden zu halten wie tiefschürfende Überlegungen anzustellen, Geschichten zu erfinden wie Pläne zu entwickeln und zu erklären. Dazu kommt noch die bedeutende Rolle, die das Erzählen in der Frühkindheit spielt; das Vorlesen, das in der weiteren Kindheit dazukommt und im Alter wieder zunimmt. Das alles fällt nur nicht so auf, weil es nicht an den Wänden oder auf Bühnen stattfindet, sondern in Zeitung und Zeitschriften und zwischen Buchdeckeln. Sie sind auch die einzige wirksame Gegenstrategie gegen eine Bildergesellschaft, in der man das Lesen verlernt, obwohl der Text immer das Wichtigere bleiben wird. Das zeigt sich schon daran, dass wir es für einen wesentlichen Fortschritt halten, dass sich die Menschheit von der Bilderschrift hin zur Schriftsprache weiterentwickelt hat.

Wie schwer fällt es Ihnen persönlich, von Ihrem Heimatbezirk in dieser Form Abschied zu nehmen?
Ruiss:
Ich habe mich schon vorher von meiner Geburts- und Kindheitsheimat so verabschiedet, dass ich sie mit mir mitgenommen habe und sie mit mir herumtrage. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie einem ein Weg vom Bahnhof zur Stadtbibliothek fehlen kann, in der man dann ein paar Stunden mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einer Schreibakademie verbringt. Nichts daran ist besonders und alles daran ist aufregend. Ich habe mich vom Projekt durch ein Buch von der gemeinsamen Arbeit mit Elisabeth Schöffl-Pöll verabschiedet, das die ersten zehn Jahre der Schreibakademie dokumentiert. Das war das von mir selbst finanzierte Abschiedsgeschenk, das auch nicht verkauft wird, sondern nur verschenkt werden kann. Dieses Buch ist zugleich auch eine Anleitung, wie es funktioniert, eine Schreibakademie über so viele Jahre hinweg als Ereignis zu gestalten, das es für mich immer war. Ich habe jetzt von meinen bzw. unseren Teilnehmern ein Abschiedsdokument zu meinem heurigen Geburtstag erhalten, das mich zutiefst berührt hat und das mir aber auch gezeigt hat, wie wichtig diese Arbeit war und ist. Ich konnte etwas mitbringen und ich konnte etwas mitnehmen. Das bleibt. Das geht mir nicht mehr verloren und ich hoffe, auch den anderen nicht.