Kein Problemlöser: „Sucht ist nicht steuerbar“. Psychologin Birgitta Elsewesi sprach mit der NÖN über Sucht und Abhängigkeit in Coronazeiten.

Von Sebastian Dangl. Erstellt am 17. April 2021 (03:14)
Seit April 2021 ist Birgitta Elsewesi als Psychologin und Psychotherapeutin in der Praxisgemeinschaft Vitalis in Horn tätig.
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Birgitta Elsewesi ist seit April Psychotherapeutin und klinische Psychologin mit dem Schwerpunkt Sucht in der Praxisgemeinschaft Vitalis Horn. Sie greift auf jahrzehntelange Erfahrung in der Suchttherapie in Niederösterreich und Wien zurück und war das letzte Jahr über bei der Corona-Hotline tätig. Im NÖN-Interview erzählt sie, warum Corona eine völlig neue Gefahr für Suchtkranke darstellt.

NÖN: Ist die Zahl der Suchtkranken seit Corona gestiegen?

Birgitta Elsewesi: Ja, auf jeden Fall. Mir ist aufgefallen, dass die Menschen viel mehr Zeit im Internet verbringen. Dabei wird unter anderem auch mehr gespielt und eingekauft. Zudem ist der Alkoholkonsum im letzten Jahr gestiegen.

Wie beeinflusst die Pandemie das Suchtverhalten?

Elsewesi: Ich führe es darauf zurück, dass wir vor Corona relativ spontan unsere Bedürfnisse ausleben konnten. So traf man Freunde, war unterwegs oder auch einkaufen. Man hatte viele Möglichkeiten sich von „sich selbst“ abzulenken. Jetzt ist das schwieriger. Die Spontanität ist nicht mehr da und Bedürfnisse können nicht mehr gelebt werden. Am Anfang war das sicher für die meisten noch verkraftbar, doch je länger die Situation jetzt andauert, desto mehr werden sich Menschen ihrer selbst bewusst. Vorher unbewusste Probleme kommen plötzlich an die Oberfläche. Es entstehen unangenehme Gefühle und so etwas wie eine Leere. Genau da beginnt der Suchtmechanismus zu wirken. Auf die verschiedensten Arten wird dann versucht, dieses Leid zu lindern.

Welche anderen Auslöser für eine Sucht gibt es?

Elsewesi: Auslöser gibt es viele. Die Grundvoraussetzung für eine Sucht ist, dass man psychisch sehr empfindlich ist. In der Psychologie nennt man das die Vulnerabilität. Wenn ein Mensch sehr sensibel und empfindsam ist, dann wird er auch leichter irritiert. So eine Vulnerabilität entsteht oft schon im Kindesalter, durch ungünstige Erziehung oder durch traumatische Erlebnisse.

Sind, je nach Alter, auch unterschiedliche Süchte vorherrschend?

Elsewesi: Das ist sehr aktuellen Modeströmungen unterworfen. Bei den Jugendlichen sind die Partydrogen im Vordergrund. Da geht es hauptsächlich um Mittel, die die Hemmungen wegnehmen und kontaktfreudig machen. Im städtischen Raum sind zudem „harte Drogen“ wie Kokain und Heroin präsent. Bei Älteren sind die Spielsucht, aber vor allem der Alkohol vorherrschend. Letzteres ist nach wie vor die Droge Nummer Eins in Österreich. Alkohol hat viel mehr Menschen auf dem Gewissen als alle illegalen Drogen zusammen.

Gibt es auch Unterschiede im Suchtverhalten von Männern und Frauen?

Elsewesi: Frauen tendieren tatsächlich mehr in Richtung von beruhigenden Mitteln. Wirklich hervorzuheben ist aber, dass die Sucht bei Frauen oft länger unentdeckt bleibt. Sie schaffen es meist gut, trotz der Sucht ihren Pflichten nachzugehen und suchen auch dementsprechend erst spät Hilfe. Männer kommen deutlich früher. Bei einem Hilfsprogramm zur Alkoholsucht in Wien hatten wir beispielsweise viel mehr Männer als Frauen dabei. Interessanterweise kommen Frauen also oft besser mit ihrer Abhängigkeit zurecht.

Was sind die Anzeichen einer Suchterkrankung und merkt man überhaupt selbst, wenn man so langsam in eine Sucht abdriftet?

Elsewesi: Ja. Man merkt es daran, wenn es immer mehr zum Problemlöser wird. Es ist ein Unterschied, ob man am Abend ein Bier zum Genuss trinkt, oder ob man anders nicht mehr runter kommt oder überhaupt schlafen kann. Es ist aber schon so, dass man gerade beim Alkohol meist sehr langsam in eine Abhängigkeit hineingleiten kann und es dadurch erst spät bemerkt. Ein Zeichen ist zum Beispiel auch, wenn man bei einem emotionalen Problem sofort an den Alkohol denkt. Überhaupt vergeht bei Süchtigen kein Tag, an dem sie nicht an den Konsum denken. Die Menge muss dabei nicht mal groß sein. An diesem Punkt sollten spätestens die Alarmglocken schrillen und Hilfe gesucht werden.

Kann man eine Sucht auch aus eigener Kraft überwinden, oder sollte man sich wirklich immer Hilfe suchen?

Elsewesi: Es geht schon auch von sich heraus. Leider ist das Thema Sucht immer noch ein großes Tabu in unserer Gesellschaft und mit viel Scham behaftet. Es ist oft schon sehr viel geholfen, wenn man es schafft, mit einem Familienmitglied oder Freund darüber zu reden. Der schwierigste Schritt ist, sich erst einmal selbst einzugestehen, dass man überhaupt ein Problem hat. Wenn man es trotz aller Bemühungen dann nicht schafft, wegzukommen, kann das sehr demoralisierend sein und erst recht die Sucht verstärken. Spätestens dann ist professionelle Hilfe notwendig. Es gibt zudem eine psychische und eine physische Abhängigkeit. Meist ist man zuerst psychisch, in der weiteren Folge physisch abhängig. Bei körperlicher Abhängigkeit ist es gefährlich ohne professionelle Hilfe aufzuhören, da es zum Delir und körperlichen Entgleisungen bis zum Tod kommen kann.

Wie unterstützen Sie die Menschen, die sich mit ihrer Sucht an Sie wenden?

Elsewesi: Zuerst schauen ich, wie akut der Fall ist, ob es Entzugserscheinungen gibt und ob es eine ambulante oder stationäre Therapie machen braucht. Ich arbeite da eng mit den Ärzten zusammen. Sobald die körperliche Komponente abgeklärt ist, versuche ich, den psychischen Auslöser zu finden. Bei der Psychotherapie gehe ich dem psychischen und emotionalen Gründen der Sucht auf den Grund. Es liegt immer etwas darunter, wie eben ein tieferes Leiden. Dazu gehören zum Beispiel Depressionen, Ängste oder Traumata. Das kann durchaus ein langer Prozess sein. Ich biete dazu verschiedene körperliche Therapien an. So können Entspannungstraining, Autogenes Training oder auch achtsamkeitsbasierte Techniken zur Beruhigung und Selbsthilfe auch zu Hause angewandt werden.

Ist der Therapieprozess bei Online- oder Spielsüchten derselbe?

Elsewesi: Im Grunde ist es gleich. Ich schaue genauso, was dahinter liegt. Die Gründe sind dabei sehr unterschiedlich. Man muss auf jeden Menschen speziell eingehen, denn niemand trinkt, spielt oder kauft aus demselben Grund. Irgendwo muss ein Defizit herrschen, wenn man den „Kick“ in die jeweilige Sucht braucht.

Braucht es mehr Bewusstsein und Aufklärung zum Thema Sucht, um dieser in Zukunft vorbeugen zu können?

Elsewesi: Auf jeden Fall. Es muss den Menschen klargemacht werden, dass Sucht eine Erkrankung ist. Sucht ist kein schlechtes Verhalten oder spricht für einen schwachen Charakter. Es gibt ja diese Mentalität nach dem Motto „Reiß dich halt zusammen“. Bei Menschen mit Depressionen laufen die chemischen Prozesse im Gehirn aber erwiesenermaßen ganz anders ab.

Dahingehend braucht es Aufklärung, dass die betroffenen Personen ihre Sucht nicht bewusst steuern können. Es braucht Aufklärung, damit sich niemand mehr schämen muss, wenn er sagt: „Ich bin süchtig und möchte mich behandeln lassen“.