FF-Landesvize Boyer: „Müssen Gürtel enger schnallen!“. Landeskommandant-Stellvertreter Martin Boyer über seine neue Aufgabe und Sorgen der Feuerwehren in der Corona-Zeit.

Von Martin Kalchhauser. Erstellt am 09. April 2021 (05:46)
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Der Kremser Bezirksfeuerwehrkommandant Martin Boyer ist nun auch Landeskommandant-Stellvertreter. Die NÖN bat ihn zum Interview.

NÖN: Warum haben Sie sich um diese Führungsposition beworben?

Boyer: Meine Motivation ist, im Feuerwehrwesen aktiv mitgestalten zu können und neben den Feuerwehren im Bezirk Krems auch für alle NÖ Feuerwehren mein Bestes geben zu dürfen.

Was können Sie mehr bewirken als in Ihrer bisherigen Funktion, als Sie „nur“ Bezirksfeuerwehrkommandant waren?

Es ist die zweithöchste Position im Feuerwehrwesen Niederösterreichs und man hat Zugang zum höchsten Gremium, dem Landesfeuerwehrrat. Dort werden die richtungsweisenden Entscheidungen getroffen.

Sie sind im Brotberuf Beamter und an das Landesfeuerwehrkommando verleast. Kann eine so zeitintensive Funktion heute überhaupt noch jemand anderer wahrnehmen, der nicht quasi „freigestellt“ ist?

Es ist prinzipiell schon möglich. In der Privatwirtschaft braucht man natürlich enormen Rückhalt des Arbeitgebers und der Familie. Mein Vorgänger Armin Blutsch hat es vorgezeigt. Er ist aus der Privatwirtschaft gekommen und hat seine Funktion über viele Jahre erfolgreich ausgeübt.

Hat Ihr Engagement auf Landesebene mehr Vor- oder Nachteile für den Bezirk? Sie haben Zugang zur Spitze der Landesfeuerwehr, können aber auch weniger Zeit für die eigenen Wehren aufbringen …

Die Vorteile überwiegen. Im Bezirk Krems gibt es ein sehr gutes Team mit meinem Stellvertreter Engelbert Mistelbauer und dem Verwaltungsteam um Christian Schopper, wo ich hundertprozentige Unterstützung habe. Wir sind sehr gut aufgestellt. Mein Stellvertreter ist bereit, Agenden zu übernehmen, wenn ich Zeit im Land aufwenden muss.

Haben Sie Ihr Team gefragt?

Freilich! Es hat sehr viele intensive Gespräche über einen längeren Zeitraum gegeben. Natürlich war mir die Unterstützung meiner engsten Mitarbeiter sehr wichtig.

Und die Familie war auch einverstanden?

In meiner Familie hat es die noch intensiveren Gespräche gegeben. Die neuen Aufgaben sind zeitintensiv, andererseits kann man auch viel bewegen. Meine gesamte Familie, im Besonderen meine Frau Daniela, unterstützt mich sehr.

2020 ist durch die Pandemie viel an Geselligkeit und Gemeinschaft verloren gegangen. Sie haben einmal gesagt: „Wir rosten ein!“ Wird die Absage von Bewerben und Festen von der Basis noch mitgetragen?

Die Feuerwehren sind sehr gut strukturiert und aufgestellt, natürlich wissen sie auch um die Bedeutung ihrer Aufgaben und der Sicherheit Bescheid. Unsere oberste Maxime ist, dass wir einsatzbereit bleiben. Das ist der Hauptgrund, warum die Feuerwehren noch immer mitziehen bei diesen Maßnahmen. Wir sind da, um der Bevölkerung zu helfen. Wir dürfen nicht ausfallen. Dass wir „einrosten“ ist definitiv: Wir sind ja sehr gesellschaftlich orientiert – bei Bewerben und Festen, aber auch die Kameradschaft innerhalb der Wehren wird großgeschrieben. Vor allem die Jugend will ja auch was erleben in der Feuerwehr. Jetzt, in der Pandemie, sind wir da sehr eingeschränkt. Schweren Herzens haben wir auch heuer wieder landesweit sämtliche Bewerbe absagen müssen.

Feste sind ja auch nötig, um Geld aufzustellen, etwa für das neue Fahrzeug. Ist hier die Lage schon dramatisch?

Freilich trifft uns das, speziell, wenn etwa eine Feuerwehr in der Endphase der Anschaffung eines Fahrzeugs ist. Es heißt jetzt, den Gürtel enger schnallen. Es werden schon eiserne Reserven angezapft und einige Projekte verschoben. 2021 wird extrem schwierig. Wenn wir 2022 wieder keine Feste machen könnten, würde es problematisch.

Was sind die dringendsten Anliegen im Bezirk?

Wo wir dran sind, ist der Umbau unserer Bezirksalarmzentrale in Krems. Wir sind da auf einem sehr guten Weg und mit der Einführung unseres neuen Einsatzleitsystems wollen wir eine sehr moderne Alarmzentrale für unsere Disponenten und ein entsprechendes Know-how für unsere Feuerwehrkommandanten und die Einsätze bieten. Was die Vorbereitung auf Wald- und Flurbrände betrifft, sind wir in NÖ federführend, haben uns in Portugal schlau gemacht und mit den Franzosen Kooperationen gebildet. Wir sind auch in gutem Kontakt mit der Universität für Bodenkultur (BOKU) Wien und beobachten das Geschehen im Zusammenhang mit der Klimaprognose. In fünf bis zehn Jahren werden wir verstärkt gefordert sein. Es gibt auch bereits eine kleine Spezialtruppe im Bereich von Paudorf, die sich im Sonderdienst Waldbrand vorbereitet. Und wir werden auch sämtliche Feuerwehren im Bezirk auf diesem Gebiet einer speziellen Schulung unterziehen.

Mehr als zehn Prozent der Mitglieder sind weiblich. Der Frauenanteil steigt. Finden Sie das gut?

Das finde ich sehr gut, und das wird von mir sehr forciert. Im Bezirkskommando ist die Stellvertreterin des Leiters des Verwaltungsdienstes eine Frau. Petra Herndler macht ihre Arbeit sehr gut. Wir haben erstmals zwei Feuerwehrkommandantinnen. In vielen Bereichen sind wir mit Frauen gesegnet. Es ist gut, dass wir uns durchmischen. Die Richtung stimmt, und bei der Feuerwehrjugend ist der Mädchenanteil noch höher. Das wirkt sich dann in der Zukunft positiv aus.

Stichwort Feuerwehrjugend: Wie läuft es da?

Da tut uns die Corona-Krise am meisten weh. Aber wir sind bemüht, Aktivitäten aufrecht zu erhalten. Bis zu zehn Jugendliche können sich in der Feuerwehr treffen und auch etwas gemeinsam üben. Aber das sind nur Grundsteine. Wenn die Pandemie vorbei ist, werden wir diesen Bereich erneut stark forcieren und dafür sorgen, dass wieder viele Junge zu uns zur Feuerwehr kommen.