Sedelmaier nach Wahl: „Haben einen Marathon vor uns“. Der frischgewählte Kremser Vizebürgermeister Martin Sedelmaier über Unterschiede zwischen ÖVP und SPÖ, Ziele und Selbstzweifel.

Von Franz Aschauer und Martin Kalchhauser. Erstellt am 01. Juni 2021 (16:24)
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Für seinen Job als Obstbauer wird der 53-jährige Sedelmaier, der in Thallern lebt, in Zukunft wohl etwas weniger Zeit haben.
NOEN

NÖN: Im Vorfeld der Personalentscheidungen in der ÖVP haben Sie gemeint, „der Kelch möge an mir vorübergehen“. Sind Sie ein Vizebürgermeister wider Willen?

Martin Sedelmaier: Ich bin ein biederer Handwerker. Ich habe 100 Mal die Frage an meine Kollegen in der Stadtpartei gestellt, ob sie davon überzeugt sind, dass ich das kann. Ich habe schon ein bisschen gezweifelt, weil das eine sehr große Aufgabe ist, vor der ich Respekt habe und für die ich voll konzentriert sein muss. Es hat dann aber keinen Einzigen gegeben, der auch nur irgendwo Bedenken gehabt hat.

Blicken wir kurz zurück: Bei der Gemeinderatswahl 2017 ist die ÖVP auf das historische Tief von 27 Prozent abgestürzt. Was ist so falsch gelaufen?

Vergangenheit hat auch mit Menschen aus der Vergangenheit zu tun, und ich maße es mir nicht an, da gescheiter zu sein. 2017 hat man sich noch schwergetan, aus der Vergangenheit zu lernen, jetzt ist die Botschaft des Bürgers aber angekommen.

Den 27-Prozent-Rucksack aus der Vergangenheit schleppen Sie trotzdem mit. Was wäre bei der Wahl im kommenden Jahr ein Ergebnis, das Sie als Erfolg titulieren würden?

Es ist viel zu früh, jetzt über Prozente zu reden. Ich bin seit ein paar Tagen Vizebürgermeister, habe seit gut 14 Tagen eine Mannschaft, die Biss hat. Jetzt haben wir noch viele Hausaufgaben, und dann wird irgendwann das Jahr 2022 kommen, wo wir uns intensiv mit der Wahl beschäftigen werden.

„Ich versuche, für die Stadt zu arbeiten, und natürlich braucht man den Konsens dazu.“

Sie gelten als konziliant und kooperativ. Die neuen Töne der Kremser ÖVP-Riege lassen aber auf einen Konfrontationskurs schließen. Können Sie das guten Gewissens mittragen?

Über den Stil kann man natürlich immer diskutieren. Ich versuche, für die Stadt zu arbeiten, und natürlich braucht man den Konsens dazu. Einige unserer Leute haben im freien Raum geschaltet und gewaltet, wie sie gerade wollten. Es gab Zeitungsartikel von unseren Leuten, die nicht immer ganz abgestimmt waren, das sollte jetzt der Geschichte angehören.

Stichwort Message Control?

Nein, nicht Message Control. Es hat manchmal Alleingänge von Mandataren wie Patrick Mitmasser gegeben, wo mir erst im Nachhinein gesagt worden ist, dass es ein Interview gegeben hat.

Hat Sie das geärgert?

Geärgert nicht, aber er muss die Fraktion mitnehmen. Überall wo ÖVP steht, muss die ÖVP das auch wissen. Wir werden Themen anders ansprechen müssen. Wenn ich die letzte Gemeinderatssitzung hernehme: Wir haben wieder einen Tagesordnungspunkt abgesetzt, weil ich gesagt habe, ich kann nicht mitgehen. Das wird jetzt halt öfter passieren, wenn der Herr Bürgermeister die Diskussion nicht aushält. Alles winken wir sicher nicht durch.

Was sind die dringendsten Anliegen der ÖVP in den kommenden Monaten?

Bei den Sachthemen sind wir noch zu früh dran. Wir haben jetzt sehr viele Leute dazugewinnen können, die uns unterstützen wollen. Der Schritt ist aber noch nicht ganz abgeschlossen. Wir schauen jetzt intern, dass wir alle Sparten besetzen, und setzen dann die Prioritäten. Es gibt noch kein Thema, das wir transportieren wollen.

Sie haben sich aber doch sicher überlegt, wofür Sie stehen möchten und was ihre politischen Ziele sind. Was gehört da dazu?

Sedelmaier: Ich will nicht vorgreifen, indem ich ein Thema nenne.

Aber die Menschen wollen wissen, wofür die ÖVP steht!

Sedelmaier: Dann sollen sie sich noch gedulden. Wir haben bis 2022 einen Marathon vor uns, und uns soll zum Schluss nicht die Luft ausgehen. Es ist alles sehr frisch, jeder hat seine Ideen, und jetzt müssen wir den gemeinsamen Nenner finden. Wir haben viel vor und werden auch viel machen. Gerade wenn es um Umweltschutz geht, müssen wir aus der Komfortzone raus. Alles, was wir für das Klima machen müssen, ist unangenehm, weil wir irgendwas an unserem Lebensstil ändern müssen. Dafür braucht es Rückgrat in der Politik.

Was unterscheidet die ÖVP von der SPÖ?

Sedelmaier: Ich will jetzt kein Wahlprogramm transportieren. Alleine von den Persönlichkeiten her, die im Leben stehen und wissen, wie die Welt tickt, unterscheiden wir uns.

Der Bürgermeister weiß nicht, wie die Welt tickt?

Sedelmaier: Wir stehen jeden Tag draußen im Geschäft. Wir sind in der Wirtschaft. Wir haben keine Menschen, die in die Politik gegangen sind, weil ihnen gerade fad ist. Wir sehen, wie es draußen zugeht und glauben, näher bei den Menschen zu sein und ihre Probleme besser zu verstehen als der Herr Bürgermeister und seine Partie, wo doch einige weltfremde Anschauungen haben.