Florian Freistetter: „Es wird keinen Planet B geben“. Der aus Krems stammende Astronom und „Science Buster“ Florian Freistetter hat diese Woche ein neues Buch veröffentlicht. Der NÖN verriet er, worum es ihm dabei geht.

Von Petra Vock. Erstellt am 24. September 2019 (05:13)
ORF/Thomas Jantzen
Florian Freistetter (rechts) mit Elisabeth Oberzaucher und Martin Puntigam in den „Science Busters“ im ORF: „Erfolgreichste aller bisherigen Staffeln!“

NÖN: Ihr neues Buch erzählt „Eine Geschichte des Universums in 100 Sternen“. Haben Sie eigentlich einen Lieblingsstern?

Florian Freistetter: Jeder Stern ist für mich natürlich faszinierend, da jeder Stern seine ganz eigene Geschichte über das Universum erzählen kann. Aber am schönsten sind die Sterne, die man mit freiem Auge am Himmel sehen kann. Deswegen würde ich mich vielleicht für „HR0001“ entscheiden - das ist der erste Stern in einem Katalog, den die Astronomin Dorrit Hoffleit 1956 erstellt hat und der alle Sterne auflistet, die man prinzipiell ohne technische Hilfsmittel sehen kann. Es sind genau 9.095 und Hoffleit hat damit auch endlich die alte Frage aus dem Kinderlied „Weißt du wie viel Sternlein stehen?“ beantwortet, dessen Text ja behauptet: „Gott der Herr hat sie gezählet“. Im Gegensatz zu „Gott dem Herrn“ war Hoffleit aber auch so nett, dem Rest der Welt von ihrem Resultat zu erzählen ...

Wissen die Menschen zu wenig über die Sterne?

Freistetter: Die Menschen können und sollen auf jeden Fall mehr über Sterne wissen. Denn das Universum ist groß und es gibt SEHR viel zu wissen. Am meisten irritiert mich, dass immer noch viele Menschen den Unterschied zwischen Astronomie (der Wissenschaft) und Astrologie (dem irrationalen Aberglauben) nicht kennen. Und viele Menschen wissen auch nicht genau, was ein Stern überhaupt ist. Dabei würde sich dieses Wissen lohnen, es gibt viel zu verpassen, wenn man die Sterne ignoriert!

Carl Hanser Verlag
Florian Freistetters neues Buch erzählt Geschichten rund um 100 Sterne.

Sie sind Astronom - können die Sterne Sie noch überraschen?

Freistetter: Wenn die Sterne nicht mehr überraschend wären, hätten wir das Universum von Anfang bis zum Ende verstanden - was natürlich nicht der Fall ist. Es gibt noch so viel zu verstehen und zu erforschen; die Sterne und das Universum überraschen mich jeden Tag aufs Neue. Enorm spannend finde ich zum Beispiel die Frage nach den allerersten Sternen im Universum. Die sind kurz nach dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren entstanden, schon kurz danach wieder explodiert und verschwunden und haben dennoch die Grundlage für die nachfolgenden Generationen der Sterne (wie unserer Sonne) gelegt. Über diese Sterne wissen wir kaum etwas - und es wäre enorm cool, wenn wir einen Weg fänden, das zu ändern.

Die Themen, die Sie anhand von Sternen ansprechen, reichen von Dinosauriern bis zu Außerirdischen. Wie stehen Sie zu Letzteren?

Freistetter: Man muss unterscheiden, ob man von außerirdischem Leben oder intelligenten Aliens spricht. Ich bin überzeugt, dass es auch anderswo im Universum Leben gibt. Auf der Erde ist das Leben mehr oder weniger unmittelbar in dem Moment entstanden, in dem die Bedingungen dafür passend waren. Bis aus diesem „simplen“ Leben aber intelligentes Leben wurde, sind ein paar Milliarden Jahre vergangen, und wir wissen immer noch nicht, was passieren muss, damit sich Intelligenz entwickelt. Ich halte es dafür durchaus für möglich, dass intelligentes Leben im Kosmos enorm selten sein könnte.

Ihr Buch ist kein trockener Sternen-Katalog, sondern es geht auch um den Menschen und seine Historie mit den Sternen. Wie haben Sie persönlich zu den Sternen gefunden? Gab es am BRG Ringstraße in Krems einen Lehrer, der Ihre Studienwahl beeinflusst hat?

Freistetter: Im Schulunterricht hat Astronomie keine Rolle gespielt; es gab auch niemanden, der mich da geprägt oder zu einem Astronomiestudium inspiriert hat; eher im Gegenteil - mein Physik- und Mathematikunterricht war leider nicht sehr gut. Inspiriert hat mich viel mehr mein Biologie-Lehrer Erich Böck und ich hätte fast Biologie studiert. Dass es dann doch Astronomie wurde, lag an dem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ von Stephen Hawking, das ich als 16-Jähriger gelesen habe und das mich nachhaltig fasziniert hat. Ich wollte – so wie Hawking – verstehen, wie das Universum ganz grundlegend funktioniert, und habe mich deswegen der Astronomie zugewandt.

Neben Ihrer Tätigkeit als Blogger und Autor kennt man Sie auch fixes Mitglied des Wissenschaftskabaretts „Science Busters“. Mit den Programmen sind Sie viel in Deutschland und Österreich unterwegs. Leben Sie nach wie vor in Jena?

Ich lebe immer noch in Jena, mittlerweile im 15. Jahr und finde die Stadt im Saaletal immer noch sehr attraktiv und lebenswert. Aber nach der langen Zeit im Ausland werde ich in den nächsten Monaten wieder zurück nach Niederösterreich kommen und dann in Baden bei Wien die schöne Gegend genießen.

Das neue „Science Busters“-Programm „Global Warming Party“ über den Klimawandel hat am 16. Jänner 2020 in Graz Premiere. Ist die Erde noch zu retten, oder sollen wir schon mal anfangen, für den Mars zu packen?

Freistetter: Das Problem bei der Bewältigung der stattfindenden Klimakatastrophe ist nicht, dass wir nicht wissen, was zu tun wäre. Wir wissen, was den Klimawandel verursacht, und wir wissen, was man dagegen tun kann. Das Problem ist, dass wir es nicht tun! Deswegen sind Initiativen wie „Fridays for Future“ auch so enorm wichtig, weil sie nicht lockerlassen und die Verantwortlichen dazu drängen, die Maßnahmen endlich anzupacken, anstatt darauf zu warten, dass das Problem verschwindet. Das wird es nicht, und wir können auch nicht einfach so auswandern. Die Erde ist der einzige lebensfreundliche Ort im Universum, den wir kennen. Es gibt keinen "Planet B", und wir müssen endlich akzeptieren, dass wir dabei sind, unsere Heimat im Kosmos zu ruinieren, und damit aufhören.

Wird es neue „Science Busters“-Folgen im ORF geben?

Freistetter: Die letzte Staffel der Science Busters im Fernsehen war die erfolgreichste aller bisherigen Staffeln. Wir verhandeln derzeit gerade mit dem ORF darüber, ob es weitere Folgen geben wird.

Sie sind ja Marathonläufer – sind Sie eigentlich heuer wieder beim Wachau-Marathon mit dabei?

Freistetter: Leider nicht. Am 29. September bin ich mit den Science Busters anlässlich unserer aktuellen Oktoberfestshow „Ozapftis: Die Naturwissenschaft des Oktoberfests“ in Bayern unterwegs. Aber ich hoffe sehr, dass ich wieder mal dabei sein kann.

Florian Freistetter: Eine Geschichte des Universums in 100 Sternen, Carl Hanser Verlag, 300 Seiten, 22 Euro