Ein Vorbild sein. Vittoria Blanckenstein in Weitern (St. Pölten): „Ich wollte immer Bäuerin sein. Die Blumen hier sind mein Werk.“

Von Thomas Jorda. Erstellt am 16. September 2014 (10:09)
NOEN, FOTO: ERICH MARSCHIK
»Die Höflichkeit, die steckt tief in uns drinnen.« Vittoria Blanckenstein mit Innoxi, dem Parson Russel Terrier eines ihrer Enkel, vor dem ehemaligen Meierhof des Schlosses Viehofen in Weitern.
Der einstige Meierhof von Weitern ist ein wuchtiges, aber nicht protziges Gebäude. Bis ins zwölfte Jahrhundert lässt sich der Name zurückverfolgen, die meterdicken Mauern lassen vermuten, dass Teile des Hofes in der Antike eine Wehranlage des römischen Limes bildeten. Nicht überall zog sich dieser Limes nur an der Donau entlang.

Auffallend die barocken Fresken auf der Fassade. Da sie aus dem Jahr 1710 stammen, sind sie wohl ein Werk von Johann Michael Rottmayr, dem Meister des frühen Barock in Österreich.

Hausherrin heute ist Vittoria Blanckenstein. Mit ihren fast 83 Jahren von bewundernswerter Vitalität. Der prachtvolle, gut gepflegte Garten rund um ihr Haus zeugt von fleißigen Händen.

Arbeit schändet nicht, auch wenn man im Schloss wohnt

„Mein Vater hatte zwei Schlösser, aber er hat uns das Arbeiten gelehrt“, sagt Vittoria, „und ich hab’s gelernt. Da macht mir keiner was vor. Und ich arbeite sehr gerne, sonst würde mein Garten nicht so aussehen. Nur den Rasen mähen die Männer.“ Früher, erinnert sie sich, hatte sie sogar eine Hühner- und Entenzucht.
Die zwei Schlösser, von der die gebürtige Reichsgräfin von Kuefstein spricht, sind Schloss Greillenstein, das immer noch im Eigentum der Kuefsteins steht, und das Schloss Viehofen in St. Pölten, das heute einen anderen Besitzer hat. Der ehemalige Meierhof Weitern gehörte zum Schloss Viehofen und war ein Geschenk des Vaters an die Tochter. Seit 1953 wohnt Vittoria hier.

Aufgewachsen ist sie in Viehofen, die Schule hat sie in St. Pölten besucht. „Das war ein hartes Brot, manche Mitschüler haben mich beschimpft, Du bledes Grafenmensch! gesagt. Aber das hat mich nicht gestört. Und wenn es zu arg geworden ist, dann hat es eben Ohrfeigen gegeben.“

Die Zeiten haben sich geändert, mit vielen Menschen ist sie hier sehr gut befreundet. „Und wenn einer Frau Gräfin zu mir sagt, ist es ein Roter. Die haben keine Berührungsängste, obwohl es doch die SPÖ war, die den Adel abgeschafft hat.“

Dabei hat sie mit ihrem Titel nichts im Sinn. „Es stört mich nicht, dass ich ihn offiziell nicht führen darf. Ich bin deswegen ja kein anderer Mensch. Aber natürlich bin ich stolz, aus einer Familie zu stammen, die so viel geleistet hat. Aber das waren meine Vorfahren, das hilft mir nichts. Ich muss selbst etwas leisten.“
Den Vornamen hat sie von ihrer italienischen Großmutter, Principessa Maria della Pace Odescalchi, verheiratet mit Johann Franz Reichsgraf von Kuefstein. Er hat als Eigentümer von Schloss Viehofen der Gemeinde, die – wie Weitern – heute zu St. Pölten gehört, den Grund für Kirche und Schule geschenkt.

Ihr Mann war Johannes Graf Blanckenstein aus dem mährischen Iglau. Ein Vorfahre, ein tapferer Husarenoffizier, war im Jahr 1796 von Kaiser Franz I. mit dem Titel eines erbländisch-österreichischen Graf ausgezeichnet worden. Geblieben ist davon wenig, der Nachfahre wurde wie viele andere von den Tschechen 1945 vertrieben. Mittellos musste er sich Arbeit suchen und fand sie – und seine Vittoria – auf Schloss Greillenstein, wohin sich die Kuefsteins bei Kriegsende zurückgezogen hatten.

Wenn Vittoria Blanckenstein zurückblickt, dann denkt sie vor allem an die Höflichkeit,
die ihr immer besonders wichtig gewesen ist. „Wenn Adel überhaupt verpflichtet, dann dazu, sich entsprechend zu benehmen und ein gutes Vorbild zu sein.“
VITTORIA BLANCKENSTEIN …

… wurde am 8. Oktober 1929 in Wien geboren und ist in Viehofen und Greillenstein aufgewachsen.

1951 heiratete die begeisterte Bridge-Spielerin Johannes Graf Blanckenstein, der 2004 verstarb.

Seit 1953 wohnten die Blanckensteins im ehemaligen Meierhof von Schloss Viehofen in Weitern bei St. Pölten. Aus der Ehe stammen drei Kinder, Karl Ferdinand (geboren 1952), Maria Chiara (1955) und Albrecht (1957). Dazu ist Vittoria auf bereits sechs Enkelkinder stolz.