Innere Haltung. Lotte Tobisch-Labotýn, Präsidentin von „Künstler helfen Künstlern“: „Ich bin ein Mensch, der gern Freude macht.“

Von Thomas Jorda. Erstellt am 16. September 2014 (10:58)
NOEN, FOTO: APA/HOCHMUTH
»Ich bin im goldenen Käfig aufgewachsen. Aber nach 1945 war ich mit neunzehn ein Jahr lang allein in Wien. Da habe ich das Leben kennen gelernt.« Lotte Tobisch-Labotýn beim jüngsten Opernball.
Ende des Monats wird sie den 86. Geburtstag feiern; ein Alter, das man nicht mehr schamhaft verheimlicht, sondern stolz betont.

Lotte Tobisch ist munter und agil wie viele Jüngere längst nicht mehr. Vor wenigen Tagen gab sie dem Opernball, den sie fünfzehn Jahre lang geleitet hatte, wieder einmal die Ehre. In einem fast auf den Tag genau dreißig Jahre alten, von sehr vielen bewunderten Kleid Fred Adlmüllers.

„Es war das erste, das er mir für den Opernball gemacht hat. Ich hab’ ihm damals gesagt, dass ich ein Luxus-Nachthemd brauche, weit und bequem, denn es war ja eine ganze Nacht lang für mich eigentlich eine Arbeitskleidung.“

Alle anderen ihrer Opernball-Roben hat sie auf den Flohmärkten für „Künstler helfen Künstlern“ verkauft, nur das eine behalten. Und sie streut Adlmüller heute noch Rosen: „Er ist auf die Frauen eingegangen, er wollte sie immer schöner machen.“ Sie selbst fand das gut. „Ich habe keinen eigenen Stil, ich trage nur, was mir passt.“

Die legendäre Herrschaft über den Wiener Opernball

An die legendären Jahre ihrer Opernball-Herrschaft denkt sie gerne, aber nicht ausschließlich zurück: „Es war eine schöne Zeit, aber nie das Zentrum meines Lebens.“ Auch ihre berühmten Gefechte mit dem einstigen Operndirektor Ioan Holender möchte sie nicht überbewerten. „Er hat mich oft seine ,schöne Feindin‘ genannt. Die war ich aber nicht, sondern die Feindin seines entsetzlich schlechten Benehmens. Er mag Menschen nicht. Ich bin das Gegenteil, ich beiße mich lieber drei Mal in den Hintern, bevor ich jemanden beleidige.“
Holender hätte sie nie kränken können, sagt Tobisch. „Ich suche mir die Leute aus, von denen ich mich beleidigen lasse!“

Lotte Tobisch-Labotýn stammt mütterlicherseits aus einer bis in das 13. Jahrhundert zu verfolgenden Adelsfamilie, die väterliche Linie der Tobisch waren Erbhofbauern an der Elbe, die den Dreißigjährigen Krieg überlebten. Im 19. Jahrhundert wurden sie nobilitiert, nahmen zusätzlich den Namen Labotýn (Elbhorst) an.
Sie spielte in Filmen (die Eva Braun in „Der letzte Akt“), war Mitglied großer Wiener Theater, an der Burg sogar Ensemblevertreterin, und war mit wichtigen Männern befreundet, etwa Carl Zuckmayer, Fritz Hochwälder und Theodor W. Adorno.

Von einer Pflicht des Adels halte sie nichts. „Jeder ist zu gutem Benehmen verpflichtet. Aber das ist eine Frage der inneren Haltung. Nur weil einer das Götzzitat nicht sagt, ist er noch kein feiner Mensch.“ Adel bedeutet ihr nicht viel. „Meine Familie war schon vorher großbürgerlich und selbstbewusst. Ich kann mit allen Menschen sprechen, ob Hoheit oder Putzfrau. Nur furchtbar blöde, ignorante Menschen, die halte ich nicht aus.“
Statt der adeligen Herkunft ist ihr das soziale Engagement sehr wichtig, vor allem im Verein „Künstler helfen Künstlern“, dem sie als Präsidentin vorsteht und der in Baden bei Wien ein Altersheim für betagte, sozial schwache Künstlerinnen und Künstler betreibt. „Ich bin zu alt zu glauben, die Welt retten zu können, aber ich kann einzelnen Menschen helfen. Das tu ich mit großer Freude, obwohl’s nicht leicht ist, Unterstützung für alte Menschen zu bekommen. Bei Tieren und Kindern ist das einfacher.“

Ob sie irgendwann später auch nach Baden kommen wird? Lotte Tobisch lächelt. „Ich denke, was ich heute machen kann und was morgen. Das Übermorgen überlasse ich dem lieben Gott.“

LOTTE TOBISCH-LABOTÝN …

… kam am 28. März 1926 in Wien zur Welt. Als Tochter aus bestem Hause genoss sie eine entsprechende Ausbildung, u. a. im Sacre Cœur. Sie debütierte als Schülerin von Raoul Aslan früh am Burgtheater, dann am Volkstheater und in der Josefstadt. Sie spielte in wichtigen Filmen und leitete von 1981 bis 1996 den Opernball. Tobisch ist Präsidentin des Vereins „Künstler helfen Künstlern“ und engagiert sich besonders im Hilde-Wagener-Künstlerheim in Baden bei Wien.