Schlossmäderl. Henriette Kinsky auf Burg Heidenreichstein: „Ich komme mir trotz meiner Familie nicht als etwas Besseres vor.“

Von Thomas Jorda. Erstellt am 16. September 2014 (10:14)
NOEN, FOTO: ERICH MARSCHIK
»Ich bin stolz auf die Vergangenheit meiner Familie. Wenn ich ihr Ehre machen kann, dann tue ich es gerne.« Henriette »Netty« Kinsky vor der eindrucksvollen Wasserburg von Heidenreichstein.
Henriette ist ein schöner Name. Unangenehm nur, wenn er der Trägerin nicht gefällt. „Alle nennen mich Netty. Und im Gegensatz zu Henriette mag ich diesen Namen auch!“

Henriette, also gut: Netty Kinsky ist überhaupt ein Mensch, der sich ungern mit Konventionen anfreundet.
„Ich habe überhaupt kein Bedürfnis, mich Gräfin zu nennen. Einige der älteren Angestellten haben Komtess zu mir gesagt, das habe ich als Kind gehasst! Ich wollte im Waldviertel nie was anderes sein als die Anderen. Mich haben alle das Schlossmäderl genannt, ich bin das schmutzigste und schlimmste Kind gewesen, mit dem ärgsten Dialekt. Und wenn ich so dahergekommen bin, mit runtergerollten Stutzen und einem Loch im Pullover, da hat es dann immer geheißen: So kann man als Gräfin nicht ausschauen! Aber ich wollte ja nie Gräfin sein. Nicht einmal ein Mädchen wollte ich sein! Ich habe nie eine Puppe bekommen … doch, eine. Aber der habe ich gleich die Haare abgeschnitten.“

Das verwilderte Waldviertler Naturkind im Internat in Wien

Als das „verwilderte Waldviertler Naturkind“ im Internat der Ursulinen in Wien landete, um dort das Gymnasium zu besuchen, war das nicht nur für „die kleine Revoluzzerin“ ein Kulturschock. Der für beide Seiten gut ausging, aber Netty nicht daran hinderte, eher Ungewöhnliches zu tun. Sie bereiste allein, aber mit Rucksack Bali und arbeitete unter anderen in einem Nachtlokal in Kitzbühel.
„Da ging es jeden Tag bis vier, fünf Uhr früh. Alle Freunde und Verwandte haben ihren Kindern gesagt: In das Lokal darfst du gehen, denn da passt die Netty auf euch auf!“

Schlechte Sitten hat sie sich bei der Arbeit nicht angewöhnt. „Da gab’s und gibt’s keinen Alkohol und keine Zigaretten. Mein einziges Laster ist die Schokolade.“
Längst schon ist sie heimgekehrt, auch innerlich. „Ich komme weg vom Revoluzzertum und entdecke jedes Mal mehr, in welch großartige Familie ich hineingeboren worden bin.“

Die hat es historisch wirklich in sich: Kinsky von Wchinitz und Tettau ist ein aus Böhmen stammendes Hochadelsgeschlecht, das seit 1150 nachweisbar ist, erstmals urkundlich 1237 erscheint, 1628 in den Reichsgrafenstand erhoben wurde und sich in mehrere Linien aufgeteilt hat. Die Linie in Heidenreichstein kam zu der Burg auf einem ganz ungewöhnlichen Weg.

„Der frühere Besitzer war ein Graf Pálffy, der keine Kinder hatte und sich mit den Neffen nicht verstand. Deshalb hat er die Burg seinem Freund Rudolf Graf van der Straten-Ponthoz vermacht.“
Der war einst Adjutant des Thronfolgers Franz Ferdinand und viele Jahre Direktor der Spanischen Hofreitschule. Über seine Tochter, die einen Grafen Kinsky geheiratet hat, ist die eindrucksvolle, im Mittelalter errichtete und in der Renaissance umgebaute Wasserburg erst seit 1961 im Eigentum der Kinskys.

Inzwischen ist Nettys Bruder Peter Burgherr und Verwalter der dazugehörigen 3500 Hektar Wälder und Äcker. Netty malt, fotografiert, besucht die Prager Fotoschule im oberösterreichischen Kefermarkt und widmet sich dem Tierschutz. Vor allem aber kümmert sie sich um die Mutter, bringt sich in die Familie ein, pflegt den Garten und ist für die öffentlichen Auftritte der Kinskys zuständig. „Ich bin die Familienmanagerin. Wenn wir alle harmonisch zusammenleben, dann bin ich glücklich und zufrieden.“

HENRIETTE KINSKY …

… wurde am 13. Jänner 1958 in Wien geboren, wo sie auch 1976 die Matura ablegte und wuchs in Heidenreichstein auf. Nach einem längeren Frankreichaufenthalt absolvierte sie die Hotelfachschule in Klessheim, ehe sie fünfzehn Jahre in Fremdenverkehrsbetrieben in Kitzbühel und am Wörthersee arbeitete.

2003 kehrte sie nach Heidenreichstein zurück, um sich vermehrt um ihre Familie und daneben auch um die Burg zu kümmern.