Otto Mayrhofer-Krammel: Die Pionierrolle nie bereut. Anästhesie-Doyen Otto Mayrhofer-Krammel verdankte seine großen Erfolge auch einer Reihe von guten Zufällen.

Von Martin Kalchhauser. Erstellt am 24. November 2020 (07:53)
Der österreichische Anästhesie-Pionier Otto Mayrhofer-Krammel feierte vor Kurzem in seinem Altersdomizil in Wien, der SeneCura-Residenz Grinzing, in voller geistiger Frische seinen 100. Geburtstag.
Martin Kalchhauser

„Es war interessant, ereignisreich und zufriedenstellend. Ich bereue es nicht, dieses Fach begonnen zu haben.“ Otto Mayrhofer-Krammel, der zu Recht als Pionier der Anästhesie und Intensivmedizin in Österreich gilt, überrascht beim NÖN-Interview an seinem Alterswohnsitz in Wien mit erfreulicher geistiger Frische. Es gibt keine Jahreszahl zu Ereignissen in seinem langen, abwechslungsreichen Leben, die ihm nicht einfällt.

Wie er selbst sagt, hat der ehemalige Universitätsprofessor seinen Erfolg „vielen guten Zufällen“ zu verdanken. Das begann schon 1926, als er als November-Geborener nicht in Wien eingeschult werden konnte. Also erlaubte ihm sein Großvater, damals Bürgermeister von Petzenkirchen im Bezirk Melk, dort die ersten zwei Monate die Grundschule zu besuchen. Als die Familie später nach Baden übersiedelte, ging der spätere Arzt hier zur Schule, maturierte 1938 und durfte noch im selben Jahr an der Wiener Uni inskribieren.

Parallel zum Pflichtwehrdienst („In den Ferien musste ich Militärdienst in Sanitätseinheiten der Wehrmacht machen.“) studierte er in Rekordzeit und promovierte vor dem Kriegsende im November 1944.

Otto Mayrhofer-Krammel
Kalchhauser

Als der Assistenzarzt 1947 an der Chirurgie im AKH begann, gab es noch die Äther-Tropfnarkose. „Bei den Operationen am offenen Brustkorb starb ein Drittel der Patienten“, erinnert er sich an die Zeit zurück.

Dass im Frühjahr 1947 eine Ärztegruppe aus den USA und England, der auch Anästhesisten angehörten, ans AKH Wien kam, war wieder ein Glücksfall. Mayerhofer, schon als Kind von seiner Mutter in Englisch unterrichtet und als Arzt in einem US-Lazarett eingesetzt, wurde für ein sechsmonatiges Stipendium im Vereinigten Königreich (Sheffield, Glasgow, London) ausgewählt. Die Kontakte aus dieser Zeit ermöglichten dem Österreicher 1949 den Zugang zur Facharzt-Ausbildung an der Columbia University, New York.

Vom USA-Aufenthalt kam der Österreicher 1951 als Facharzt für Anästhesiologie – und auch als Vater seines Sohnes Frederic, den ihm seine erste Gattin Duglore geboren hatte – zurück.

1951 war er Gründungspräsident der Anästhesiegesellschaft, 1952 wurde das Fach anerkannt, und Mayrhofer avancierte zum Universitätsprofessor. Ab 1954 im Weltbund der Anästhesisten aktiv, stand er diesem später ab der Konferenz von Kyoto (Japan) vier Jahre als Präsident vor.

„Wir brauchen uns nicht zu verstecken!“

„Die erste Generation der Intensivmediziner wurde in Wien ausgebildet, aber bald ging es auch in den Bundesländern los“, erinnert sich der Hundertjährige an die von ihm geprägten Anfänge des Fachs zurück.

Mit der Entwicklung der Anästhesie und Intensivmedizin, die zuletzt wegen der Corona-Epidemie wieder in den Fokus gerückt sind, ist der Pionier zufrieden. „Wir brauchen uns in Österreich nicht zu verstecken. Mit allem Respekt: Ich könnte Ihnen kein Land sagen, das uns auf diesem Gebiet übertrumpft. Am ehesten sind wir vielleicht noch mit den USA vergleichbar.“

Mayrhofer-Krammel, der kurz nach seinem 100er den Tod seiner zweiten Gattin Eleonora (mit der ihn auch sein Stiefsohn Robert verband) hinnehmen musste, sieht auch heute Positives: Urenkelin Pascal (20) studiert in Wien Medizin.