Jugend in der Kirche: „Man vergisst sie“. Die Jugend wird von der Kirche zu wenig beachtet, sagt die Theologin Regina Polak. Das müsse sich ändern.

Von Wolfgang Zarl. Update am 14. Mai 2021 (09:52)
Wie kann die Kirche an die Jugend herankommen? Für die Wiener Theologin Renate Polak ist die Antwort auf diese Frage essenziell: Ohne Nachwuchs kein Überleben.
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„Kinder und Jugendliche haben keine Lobby. Es wäre eine Aufgabe der Kirche, deren Lebenssituationen wahrnehmbar zu machen." Das hat die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak in einem Interview der St. Pöltner Kirchenzeitung "“Kirche bunt" angeregt. In demografisch alternden Gesellschaften würden die Interessen von Älteren dominieren. Das habe sich auch in der Corona-Krise gezeigt, in der die speziellen Probleme junger Menschen erst spät zur Sprache kamen, wies die an der Uni Wien lehrende Theologin hin. Es handle sich um gar kein bewusstes Wegschauen von Politik und Gesellschaft, „aber man vergisst sie einfach, weil sie in der Minderheit sind".


Familiäres Glaubensleben immer seltener

Dass es für die Kirche nicht leicht sein wird, die Anliegen und Interessen der Jugend in der breiten Öffentlichkeit, aber auch im eigenen Bereich stärker wahrnehmbar zu machen, verdeutlichte Polak mit der stetig anwachsenden weltanschaulichen Pluralisierung. Eine kirchliche Sozialisation mit regelmäßigem Gottesdienstbesuch und familiärem Glaubensleben werde immer seltener. „Die meisten Jugendlichen kennen die Kirche aus den Medien - und diese Berichte sind in der Regel nicht positiv", sagte Polak.
Auch durch die Vorherrschaft einer naturwissenschaftlichen Weltsicht sei vielen eine religiöse Lebensweise fremd und unverständlich geworden. Werteveränderungen zeigten sich vor allem in liberaleren Einstellungen zum Geschlechterverhältnis oder zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen und führten zur Abkehr von Religionen.


Auch auf virtuelle Lebenswelten einlassen

Wie kann man Jugendliche heute erreichen? Auf diese Frage antwortete die Theologin, das Wichtigste sei echte Dialogbereitschaft – „Zuhören und sich auf ihre Sprachformen und Lebenswelten einlassen, auch auf die virtuellen". In diesen Räumen stoße man bei religiösen Themen durchaus auf Interesse. Attraktiv seien auch konkrete Projekte wie solche der Caritas oder der Dreikönigsaktion, an denen sich Jugendliche beteiligen und mitgestalten können. „Aber es wird nicht einfach werden", sagte Polak nüchtern, „man sollte sich keine falschen Illusionen machen, denn kirchliches Engagement verliert gesellschaftlich an Image".


Nachdenkräume über Gott und die Welt

Wenig Sinn macht es aus der Sicht der Theologin, im Werben um Jugendliche in Konkurrenz mit den unzähligen Freizeitangeboten zu treten. Es gelte das spezielle Profil zu stärken: Ökonomisch gesehen sei Pfarre ein Ort, wo man nichts bezahlen muss, wo man sein kann, ohne Leistung bringen zu müssen. „Vor allem aber kann man über Tiefsinniges sprechen, worüber man sonst nirgends spricht", und „über Gott und die Welt nachdenken", erklärte Polak.
Gesellschaftliches Role Model könnten kirchliche Gemeinschaften auch beim Vorleben dessen sein, wie das Zusammenleben in Verschiedenheit gelingt. Polak erinnerte daran, dass in Wien mehr als die Hälfte der Volksschüler bereits mehrsprachig aufwächst. Die Migrationsgesellschaft sei auch in der Kirche bereits Realität. Für verschiedene Gruppierungen Gemeinschaft in der Ortskirche herzustellen, wäre laut der Theologin eine lohnende Aufgabe.


Fürs Überleben sind mehr Ressourcen nötig

Polak hielt jedenfalls fest: „Wenn die Kirche überleben will, muss sie viel mehr Ressourcen und Personal für die Jugendpastoral einsetzen." Das bedeute einen entsprechenden Stellenwert in den Pastoralplänen der Diözesen.