Niederösterreich: Das Land der Silo-Türme. Nirgends gibt es so viele Beton-Silos wie in NÖ. Braucht die auch noch irgendwer?

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 29. Juli 2020 (05:13)
Künstlerisch genutzt: Auf dem Turm in Waidhofen/Thaya prangt eine Statue (links). Hübsch gestaltet: der Getreidespeicher in St. Peter/Au, bunt bemalt von Künstler Adalbert Schlager (Mitte). Der höchste Siloturm steht in Petronell (Bezirk Bruck). Er ragt 70 Meter in die Lüfte (rechts).
Pretterhofer/Spath

Als Land der Türme ist gemeinhin eher Sardinien bekannt – oder Georgien. Diesen Spitznamen könnte man aber auch Niederösterreich verpassen: An allen Fleckerln des Landes ragen alte Betonklotze aus der Erde. Meistens prangt ein Raiffeisen-Logo daran. Fast immer führt die Bahn direkt daneben vorbei. Die Silo-Türme wirken heute wie aus der Zeit gefallen. Tatsächlich sind die meisten von ihnen aber nach wie vor in Gebrauch.

Genutzt werden sie bis heute als Speicher. „Getreide wird nach der Ernte ins Lagerhaus gebracht, gewogen und je nach Art und Qualität gereinigt und gelagert“, erzählt RWA-Sprecherin Michaela Fritsch. In den Beton-Klotzen befinden sich ein Lift und mehrere Kammern. Die braucht es, damit das Korn regelmäßig „umziehen“ kann und so nicht zu schimmeln beginnt. Neben der Getreidelagerung haben die Silos in den vergangenen Jahren noch eine neue Funktion bekommen: Handy-Masten werden auf ihren Dächern installiert.

Insgesamt gibt es über 150 dieser Getreidespeicher in Niederösterreich – und damit mehr als in jedem anderen Bundesland. Herausgefunden hat das das Wiener Architekten-Duo Heidi Pretterhofer und Dieter Spath bei einem Forschungsprojekt. Errichtet haben den Großteil der Türme Lagerhaus-Genossenschaften in den 50ern, um nach dem Krieg Aufbewahrungskapazitäten zu schaffen und die Import-Abhängigkeit zu verringern.

Je mehr Äcker, desto höher ist der Turm

Damals konnte man die Türme auch als gebaute Wirtschaftsdiagramme betrachten: „Je mehr Äcker eine Region hatte, desto größer war ihr Turm“, erzählt Pretterhofer.

Der höchste Siloturm steht in Petronell (Bezirk Bruck). Er ragt 70 Meter in die Lüfte.
Pretterhofer/Spath

Besonders fruchtbar dürfte dieser Theorie zufolge das Gebiet um Petronell im Bezirk Bruck an der Leitha sein. Hier ragt ein 70 Meter hohes Silo in die Lüfte – das ist das höchste im ganzen Land.

Aufgrund fehlender Bau-Vorschriften war diese Höhe bei der Errichtung der Silos kein Problem. Die meisten Türme sind offiziell „Anlagen“, außerdem stehen sie nicht immer im Bauland. Sonst könnte man sie auch nicht so hoch bauen, wie man wollte, erklärt die Architektin.

„Meistens bleibt nur übrig, sie zu sprengen“

Die Nachnutzung der alten Beton-Türme, sollten sie einmal nicht mehr gebraucht werden, macht das aber schwierig. „In den meisten Fällen bleibt nur übrig, sie zu sprengen“, sagt Pretterhofer und ergänzt, dass das schade wäre, da sie aufgrund ihrer Vielzahl durchaus identitätsstiftende Funktion für Niederösterreich hätten.

Die Gemeinde Aschbach im Bezirk Amstetten will ihren „Fehringer Turm“ vor diesem Schicksal bewahren und zeigen, dass sinnvolle Nachnutzung doch möglich ist. Sie hat das Silo einer ehemaligen Fabrik gekauft. Angedacht ist es nun, eine Photovoltaik-Anlage darauf zu errichten. Auch touristische oder kulturelle Nutzung ist nicht ausgeschlossen, sagt der Bürgermeister. Andere Gemeinden brachten an ihren Beton-Silos bereits Kunstwerke an.