In der Welt der Kopffüßer. Mit der bisher größten Personale gratuliert man Oswald Tschirtner zum 100er.

Von Michaela Fleck. Erstellt am 18. Februar 2020 (01:24)
Menschen, Menschen, Menschen: Aus 1995 stammen die "Menschen" mit den prägnanten Köpfen und den langen Füßen - und von einem der wichtigsten unter den Gugginger Künstlern: Oswald Tschirtner.
Ludwig Schedl

„Er war ein Sir.“ Sagt sein Psychiater. Und: „Er wollte gebeten werden.“ Denn: „Von allein“ hat Oswald Tschirtner nicht gemalt. Wenn er aber einverstanden war, mit einem neuen Bild, wenn Feder, Filzstifte, (Seiden-)Papier oder Leinwand bereitlagen, dann malte er.

Zweieinhalb Meter große „Menschen“ mit Köpfen und Beinen. Sechs Meter lange Prozessionen mit Gesichtern und Ohren. Aber auch postkartenkleine Porträts mit Krawatten und Falten. „Sein Hauptthema war der Mensch.“ Fasst Johann Feilacher zusammen. Und hat den „Menschen“ mit den prägnanten Köpfen und den riesenlangen Beinen, also eigentlich: den Kopffüßern von Oswald Tschirtnern gleich den ersten Raum seiner jüngsten Schau gewidmet.

 „Er war ein Einsiedler unter Menschen.“ Guggings Museums-Direktor Johann Feilacher über den Guggings Oswald Tschirtner

 Die gratuliert einem der wichtigsten unter den Gugginger Künstlern zum Geburtstag. Denn der 1920 in Perchtoldsdorf geborene und 2007 in Gugging verstorbene Oswald Tschirtner wäre im Mai 100 geworden. Über 50 Jahre davon hat er in Gugging verbracht, erst in der damaligen Heilanstalt, dann, seit 1981, im frisch gegründeten Haus der Künstler.

Dort hat ihn auch Johann Feilacher 21 Jahre lang begleitet, als Psychiater, aber auch als Künstler und als Museumsdirektor. Und dort, genauer: im benachbarten Museum hängt im Geburtstagsjahr auch die „erste richtig große Werkschau“ zu Oswald Tschirtner. Mit „270 Werken“, vom ersten „Mensch“ aus 1959 bis zum letzten Gesicht aus 2006.

Fleck
Privatstiftung – Künstler aus Gugging

„Nur ganz wenige“ der 270 Werke seien dabei „von uns“, meint Johann Feilacher. Die meisten kämen aus Museen und Privatsammlungen, 52 aus der berühmten Collection de l’art brut in Lausanne, zehn aus dem MUMOK, eines aus der Albertina. Und 88 aus Niederösterreichs Landessammlungen („die haben rund 100 Tschirtner“).

Im Vergleich zu Johann Hauser oder August Walla war Oswald Tschirtner für viele „leichte künstlerische Kost“, so Feilacher. Auch, weil er „witzig“ war, seine Bilder mitunter an Karikaturen erinnerten. Die strammen Soldaten etwa, die steifen Tänzer, die stromlinienförmigen Schwimmer.

An Karikaturen erinnern aber auch „Unser Bundeskanzler“ mit den langen, roten Beinen („das war 1971, da war der Kanzler noch rot“). Ein Gitarrespieler von Pablo Picasso, aus dem bei Oswald Tschirtner am Ende einer kleinen Bilderserie ein knieender Kopffüßer wird. Oder manche seiner Gugginger Künstlerkollegen, die er liebevoll, detailgetreu und unverkennbar porträtiert hat – mit Stirnfalten und ohne, mit Sakko und ohne.

Gezeichnet hat Oswald Tschirtner aber noch viel mehr („4.000 Werke gibt es insgesamt“). Heilige von Nepomuk über Georg bis zur Gottesmutter im blauen Mantel (Johann Feilacher: „Er wollte eigentlich ein Mönch sein“). Herzen mit schwarzen Bögen und einer roten Seite. Blaue, rote, gelbe Blumen. „Kleine“ Störche, große Giraffen mit blauen Augen, Krabben mit roten Scheren, Fische, geschlichtet wie Sardinen in der Dose, Fliegen „für Frieden im Haus“. Arnulf Rainer hat er „übermalt“, David Bowie hat er, bei dessen Besuch in Gugging im Jahre 1994, getroffen.

Und die „Sehnsucht“ hat Oswald Tschirtner auch gezeichnet. Genauso wie die himmelblauen „Augen“ mit den feenlangen Wimpern, die auch am Cover des frisch gedruckten Tschirtner-Buchs „Das Ganze beruht auf Gleichgewicht“ zwinkern. Und auf 468 Seiten und mindestens „vier Kilo“ noch mehr vom Leben und Werk des Guggingers erzählen. Bis 27. September,

www.museumgugging.at