Wolfgang Sobotka: „Brauchen Anreize zur Arbeit“. Wolfgang Sobotka zieht nach zehn Jahren an der Spitze des Arbeitnehmerbundes NÖAAB ein Resümee.

Von Walter Fahrnberger. Erstellt am 24. November 2020 (07:52)
Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) übergab nach zehn Jahren an der Spitze des NÖAAB den Vorsitz an Christiane Teschl.
APA, Hans Punz

NÖN: Am Samstag ist Ihre Ära als Landesobmann des NÖAAB zu Ende gegangen. Was waren für Sie die Höhepunkte in diesen zehn Jahren?

Wolfgang Sobotka: Es ist uns gelungen, in den Betrieben verstärkt Fuß zu fassen. Wir sind in den Betriebsgruppen stärker geworden und sind wieder mehr eine Gemeinschaft – die ÖAAB-Funktionäre, die Bürgermeister und die Parteiobleute des NÖAAB. Besonders wichtig war, dass es uns gelungen ist, ein neues Bild des Arbeitnehmers zu etablieren.

Wie sieht das neue Bild aus? Was hat sich verändert?

Sobotka: Das macht sich an den Themen wie Pendlereuro oder Mindestsicherung sehr klar fest, weil wir hier keine klassische Politik mit gewerkschaftlichen Positionen betrieben haben. Man muss weiter denken. Wir haben derzeit eine inverse Lage am Arbeitsmarkt mit vielen Arbeitslosen und vielen offenen Stellen. Und trotzdem werden überall Fachkräfte gesucht. Darum können wir jetzt keinen Anreiz schaffen, die Leute noch länger in der Arbeitslosigkeit oder in der Alimentierung zu halten. Wir müssen Anreize schaffen, dass sie die Arbeit positiv, sinnerfüllend und als wichtiges Element sehen. Worüber ich mich persönlich gefreut habe, ist, dass wir das Bewusstsein in der Arbeitnehmerschaft in Niederösterreich verändert haben.

Haben sich auch die Mitgliederzahlen im NÖAAB verändert?

Sobotka: Zu Beginn meiner Obmannschaft sind sie stark gestiegen. In den letzten Jahren sind sie eher gleich geblieben. Aktuell haben wir rund 70.000 Mitglieder im NÖAAB .

War es schwer, gegenüber dem übermächtigen Bauernbund bzw. gegenüber dem Wirtschaftsbund die Interessen des NÖAAB innerhalb der Partei durchzusetzen?

Sobotka: In der Familie der niederösterreichischen ÖVP ist es immer darum gegangen, einen gemeinsamen Weg zu finden. Wir haben mit allen sechs Teilorganisationen ein gutes Einvernehmen gehabt. Auch mit dem Wirtschaftsbund, wo wir ganz natürlich in einer Interessenslage arbeiten, wenn auch aus unterschiedlichen Positionen heraus.

Ihre Nachfolgerin Christiane Teschl ist noch nicht lange ÖVP-Parteimitglied. Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?

Sobotka: Ich glaube, diese Frage stellt sich nicht. Christiane Teschl ist eine ganz tolle Persönlichkeit, sie kennt das Land, und sie ist gut vernetzt. Das ist wesentlich. Es ist für mich eine Freude, einen Menschen zu wissen, der diese Organisation weiterentwickelt. Man kann sich sicher sein, das sie ihre eigene Kreativität einbringt. Das hat sie schon gezeigt, nachdem sie als designierte Parteiobfrau im Sommer in den Bezirken unterwegs war.

Was werden in Zukunft die größten Herausforderungen für die Arbeitnehmer?

Sobotka: Da gibt es einige. Wie wichtig die Digitalisierung ist, sehen wir jetzt, wo sie im täglichen Arbeitsprozess richtig greift. Dann geht es um die Daten, die wir durch die Digitalisierung gewinnen. Da sind wir noch sehr gespalten. Wir geben einerseits die Daten nicht gern preis. Nehmen wir etwa die Corona-App her. Das muss alles freiwillig sein, aber Google und Facebook wissen von uns alles. Die große Herausforderung wird daher sein, dass wir einen rationaleren Zugang brauchen, wie man mit Daten umgeht. Dann ist die Frage, wie sich unsere Familien- und Gesellschaftsstruktur ändert. Homeschooling ist deshalb so eine große Herausforderung, weil beide Elternteile –zu Recht – arbeiten gehen wollen. Also auch im Bereich, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen, haben wir noch einiges zu tun.