Wenn Weiterbildung Gesundheitskosten spart . Bildungsexperten zeigten Defizite und Stärken beim vielbeschworenen lebenslangen Lernen auf.

Erstellt am 25. April 2018 (20:41)
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In Österreich gibt es kaum Angebote für eine Weiterbildung in naturwissenschaftlichen Fächern. Auf diese Situation macht die frühere Vizerektorin der Donau Universität Krems, Monika Kil, in einem Atemzug mit einem Appell zu vermehrten Investitionen in Weiterbildung aufmerksam. Alexander Rauner von der Wirtschaftskammer sieht in der Berufsaus- und Weiterbildung einen Bildungspfad als Ausweg aus einer „Sackgasse“ gerade in einer Zeit vermehrter Brüche im Arbeitsleben.

Weiterbildung und das Setzen richtiger Anreize im Leben: darum drehten sich am Mittwochnachmittag Referate und Diskussionen in der Denkwerkstatt St. Lambrecht in der Steiermark. 14 Prozent der Bevölkerung in Österreich betreibt Weiterbildung, allerdings nur 0,5 Prozent im universitären Bereich.

Lebenslanges Lernen gegen Demenz

Auch dieses Manko zeigte die Kremser Weiterbildungsforscherin Kil auf. Der Schwerpunkt ihres Vortrages lag allerdings auf der Begründung, dass sich Investitionen und mehr Geld für lebenslanges Lernen letztlich volkswirtschaftlich rechnet. Denn Weiterbildung trägt zusammengefasst zur Vorbeugung gegenüber (psychischen) Erkrankungen bei. Letztlich sei Weiterbildung sogar eineInvestition, um später Kosten für Demenz zu senken. Damit werde im Gesundheitssystem sogar gespart. 

"Wir müssen Lehrer von der Kette lassen"

Allerdings schränkte Kil selbst ein, dass es nicht automatisch einen direkten kausalen Zusammenhang zu längerfristigem gesundheitlichen Wohlbefinden gebe. Der Effekt könne beispielsweise durch erhöhten Stress aufgrund von Prüfungen ausbleiben. 

Zu den „Benefits“ von Weiterbildung zählten aber die persönliche Entwicklung eines Menschen, also eine „Selbstwirksamkeit“, soziales Lernverhalten und soziale Inklusion. Jemand, der weiterlerne, könne auch mehr Geduld bei Hausaufgaben seiner Kinder aufbringen.  Grundsätzlich appellierte Kil, in der Schule und bei der Weiterbildung auch Freiräume zu lassen. Das gipfelte in dem provokanten Aufruf: „Wir müssen Lehrerinnen und Lehrer mehr von der Kette lassen.“

Alexander Rauner, der für den Bildungsbereich in der Bundessparte Gewerbe und Handwerk der Wirtschaftskammer verantwortlich ist, sieht Österreich in der Berufsausbildung international gut positioniert, wie etwa die „tollen Platzierungen“ der Lehrlinge bei Wettbewerben zeigten: „Wir werden wahrgenommen im globalen Umfeld.“ 

Ruf nach mehr Mobilität zur Sicherung der Wirtschaftserfolge 

Dennoch sieht auch er in der beruflichen Aus- und Weiterbildung neue Herausforderungen. Es gehe dabei um die Frage: „Wie können wir die Mobilität stärken?“ Nach wie vor gebe es in Ostösterreich einen Überschuss an Arbeitskräften. Selbst der große Zustrom von rund 800.000 Arbeitskräften aus dem Ausland habe nicht ausgereicht, um den akuten Facharbeitermangel in Österreich zu beseitigen. „Wir brüsten uns mit unseren Exporterfolgen“, betonte der Experte für berufliche (Weiter)Bildung. Dafür seien aber auch ausreichend Fachkräfte notwendig.

Akademischer Abschluss ist zu "Mythos" geworden

In einer Berufswelt, in der Karrieren durch Wechsel immer öfter Brüche zeigten, biete aber gerade ein zunehmend durchlässigeres Ausbildungssystem einen „Bildungspfad aus der Sackgasse“. Rauner räumte auch mit einem „Mythos“ auf. Denn oft heiße es: „Ich muss jetzt den akademischen Abschluss machen oder den Meister machen.“ Dabei zeigten Statistiken, dass 17,8 Prozent der Führungskräfte die AHS abgeschlossen haben. Aber immerhin 22,7 Prozent der Führungskräfte würden als höchsten Bildungsabschluss „nur“ die Lehre aufweisen. 

IHS-Chef Köcher setzt auf Anreize für Verhaltensänderungen

Der Fokus des Leiters des Instituts für Höhere Studien (IHS), Martin Kocher, lag auf der Nutzung der Verhaltensökonomie durch das Setzen richtiger Anreize etwa für Arbeitnehmer in einem Betrieb. Als Beispiel verwies er auf die Erfahrungen eines US-Unternehmens, das die seine Mitarbeiter zu einer vermehrten Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel animieren wollte. Wegen 3, 4 oder 5 Dollar mehr werde das Verhalten nicht verändert. Es stellte sich vielmehr heraus, dass ein Anreiz in Form eines einzigen höheren Preises wesentlich mehr Mitarbeiter zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel lockte. 

„Man kann auch Fehlanreize setzen“, warnte der IHS-Chef. So wurde Eltern in Israel, die ihre Kinder zu später vom Hort abgeholt haben, eine Strafe aufgebrummt. Der Effekt war, dass die Eltern danach im Durchschnitt ihre Kinder noch später holten, weil sie die Strafe als Berechtigung zur späteren Abholung empfanden. 

Es gebe jedenfalls die Variante, bestimmtes Verhalten durch Anreize zu verstärken. Andere Möglichkeiten seien Commitmentoder das sogenannte Nudging, ein positiver Anreiz ohne monetäres Lockmittel. Es gebe auf alle Fälle eine Reihe von Anreizen und Belohnungen im öffentlichen Bereich, so strich Kocher heraus, ohne dafür Gesetze zu verschärfen.