Hilfe unterlassen: Sechs Monate Haft. Pärchen soll Angetrunkenen auf Rückbank abgelegt und sich selbst überlassen haben. Dieser verstarb in Folge einer Gehirnblutung.

Von Gila Wohlmann. Erstellt am 18. Februar 2021 (07:40)
Am Landesgericht St. Pölten warteten Richter und Zeugen vergeblich auf den Angeklagten.
Erna Kazic

Hat ein junges Paar den Tod eines 24-Jährigen zu verantworten oder nicht? Das war die Frage, die die Justiz am Mittwoch am St. Pöltner Landesgericht zu beantworten versuchte.

Die beiden Angeklagten: ein 26-jähriger Wilhelmsburger und seine gleichaltrige Pielachtaler Freundin: Sie sollen einen schwer alkoholisierten Wilhelmsburger (24), der eine Hirnblutung erlitten hatte, in ihr Auto gelegt und dort sich selbst überlassen haben, bis er schließlich verstarb. Das Delikt, das ihnen vorgeworfen wurde: Aussetzung, also eine Person in eine hilflose Lage versetzen oder diese in einer solchen im Stich lassen und somit seine Lebensgefahr noch steigern.

Der Hauptangeklagte, der schon eine Reihe an Vorstrafen zu Buche stehen hat, schildert, dass er eben am 17. März des Vorjahres „bei der Tankstelle in Hofstetten mit seinem Freund gesoffen hätte.“ Da aber schon Lockdown gewesen sei, hätte sie die Polizei von dort verwiesen. Der 24-Jährige sei so berauscht gewesen, dass er ihn mit einem weiteren Trinkkumpanen stützen musste. Sie seien in Richtung Billa marschiert, „um sich was zum Essen und zum Saufen zu holen.“ Dort hätten sie im Bereich des Radwegs weiter getrunken. Den angetrunkenen Freund lehnten sie an eine kleine Mauer, dort sei er aber immer wieder abgerutscht. Als sie vom Supermarkt zurückkamen, sei er am Bauch, vermutlich bewusstlos, gelegen. Sie hätten dann noch Mineralwasser gekauft und diesem über den Kopf geleert, dass er wieder zu sich käme.

Mit dem Handy des Berauschten machte dann der Wilhelmsburger Fotos. Auf diesen ist der 24-Jährige am Boden liegend zu sehen. „Wieso machen Sie so etwas?“, will der Richter wissen. Dies sei, beteuert der Hauptangeklagte, absichtlich erfolgt, um zu dokumentieren, wie der betrunken der Freund sei.

Dass er aber sichtlich über den Zustand des Freundes doch verunsichert war, unterstreichen indes seine Anrufe bei Bekannten. Diese wurden auch polizeilich einvernommen. Was er nun denn jetzt tun solle, da sein Freund nicht mehr reagiere, wollte er von diesen wissen. Das Beweisverfahren ergab, dass er diese Telefonate jedoch vom Handy als auch die Simkarte gelöscht hatte.

Dann soll er mit seiner herbeigerufenen Freundin den Angetrunkenen in ihr Auto verfrachtet und schließlich stundenlang sich selbst überlassen haben. Bis er verstarb. Die Obduktion ergab: Der Mann hatte eine Hirnblutung, die zu seinem Tod führte.

Die Pielachtalerin widersprach ihren eigenen Aussagen vor der Polizei. Der Angetrunkene sei trotz seines Rauschs selbst in ihr Auto gestiegen. Gemeinsam sei man nach Wilhelmsburg gefahren, um ihn wie so oft beim Hauptplatz aussteigen zu lassen. Ihr Partner hätte dann mit seinem Vater in dessen Wohnung in Wilhelmsburg weiter Bier getrunken. Sie gibt an, den betrunkenen Kumpanen ihres Freundes später im Bereich der Citybox in Wilhelmsburg am Boden liegend gefunden haben. „Ich habe ihn einfach eingepackt“, schildert sie, dass sie ihn mit ihrem Freund ins Auto gehoben und zur Rettung gebracht hätte. Ihr Freund, damals selbst schwerst alkoholisiert kann sich, daran vor Gericht nicht erinnern. Fakt ist: Die bei der Rettung eintreffende Ärztin stellte beim Patienten den Tod fest.

Doch wann ist der Mann gestorben? Um 17 Uhr, in Hofstetten, alleine nach einem Sturz? Danach, als er schon im Auto der Pielachtalerin war? Oder erst kurz, bevor ein Sanitäter ihn in Wilhelmsburg aus dem Auto zog?

Das war die Frage. Der Sanitäter erscheint trotz Zeugenladung nicht vor Gericht. Der medizinische Sachverständige führt aus, dass der Todes nach einer Hirnblutung fünf Stunden danach auftreten. Auch wie die Hirnblutung entstand, sei es nun durch einen Sturz oder eine Folge des Verfrachtens des Regungslosen in das Auto, konnte nicht sicher durch das Gutachten belegt werden. 

Weitere  für den Richter grundlegende Frage war: Hat das sorglose Verhalten des Paares die Lebensgefahr des Betrunkenen erhöht? 

Laut Gutacher: Nein: „Es hätte keinen Unterschied gemacht, ob sie den Freund auf der Wiese oder eben im Auto sich selbst überlassen hätten.“ Daher kam der Richter zum Entschluss, dass nicht das Delikt der Aussetzung, sondern nur unterlassene Hilfeleistung vorliege. Für das Vorgehen der Angeklagten hat er jedoch nicht das geringste Verständnis: „So ein Verhalten ist abscheulich. Diese Gleichgültigkeit gegenüber einem hilflosen Individuum ist unfassbar. In dieser Brutalität habe ich so etwas schon lange nicht mehr gesehen. Da tun sich menschliche Abgründe auf“, schließt er die Verhandlung.

Der Wilhelmsburger fasst aufgrund seiner Vorstrafen sechs Monate unbedingte Haft aus. Die bislang unbescholtene Pielachtalerin, die die Verhandlung sichtbar nervlich schwer forderte, erhielt eine milde Strafe von drei Monaten bedingt.