Der Steinklammhof: Ein stummer Zeuge von damals. Zeitzeugin Helene Koptisch und Hobbyhistoriker Auer berichten über den Steinklammhof bei Rabenstein.

Von Nadja Straubinger. Erstellt am 13. September 2019 (05:22)
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Helene Koptisch, Gottfried Auer und Heinz Koptisch mit Kameramann Helmut Muttenthaler und Redakteurin Carina Bauer. Der Beitrag zum verlassenen Steinklammhof ist noch bis kommenden Samstag in der ORF TVthek zusehen.

Vielfach unbeachtet und für manche sogar ortsbildstörend steht das alte Holzhaus neben der Straße in Steinklamm, verwachsen und mit kaputten Fensterscheiben. Dass es eine bewegte Geschichte hat, ist einigen Rabensteinern und den meisten, die hier vorbeifahren, nicht bewusst.

Das Haus, das heute verfällt, hat die Registratur vom „Barackenlager Steinklamm“. In den um 1998 abgerissenen Gebäuden war eine Weberei untergebracht. Diese beschäftigte bis zu 200 Arbeiter. Auffällig ist der Holzbogen rechts neben dem Haus, der noch immer unverändert als letztes Relikt von einem einstigen k. und k. Internierungslager zeugt.

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Im verfallenden Haus berichtet die Zeitzeugin von damals.

Der ORF zeigte Interesse an diesem historischen Ort: Hobbyhistoriker Gottfried Auer und die Webereibetreiber-Tochter, die 85-jährige Helene Koptisch erzählten einerseits von den Recherchen über diese Zeit und andererseits vom eigenen Leben damals.

Helene Koptisch musste in den Kriegswirren aus Rabenstein nach Schwaz in Tirol flüchten. Sie kam allerdings später mit ihren Eltern wieder zurück ins Pielachtal. Obwohl sie seit vielen Jahren in Ennsdorf lebt, nennt sie heute noch Rabenstein ihre richtige Heimat.

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Hobbyhistoriker Gottfried Auer blättert mit Helene Koptisch in alten Abbildungen. Straubinger

Direkt in dem verfallenden Haus berichtet sie von der damaligen Zeit. 1938 mietete die Textilfirma A. Kuhn & Co. OHG das Betriebsgelände. „Hier wurde Verbandsmaterial für die Firma Rauscher produziert“, erinnert sich Koptisch, deren Onkel Teilhaber war. Ihren leiblichen Vater, einen Funker und Dolmetscher mit tschechischer Staatsbürgerschaft, verlor sie früh. Er war lange vermisst, bis er schließlich für tot erklärt wurde.

„Nach dem Krieg waren wir als Kinder staatenlos. Meine Mutter musste für mich Schulgeld in der Textilschule zahlen“, berichtet die 85-Jährige, die danach selbst in das Textilgewerbe einstieg. In der Weberei wurde dann auf technisches Gewebe umgestellt. Reifen- und Riemengewebe wurde hier erzeugt.

„Vergangenheit soll bei uns auch Zukunft haben“

„Wir haben für die Firma Semperit produziert“, ist Koptisch noch immer stolz. Sie war damals schon eine sehr moderne Frau und gehörte 1953 zu den wenigen mit Führerschein. Ihr Fahrkönnen bewies sie auch bei einem Skijöring-Rennen. Dabei belegte sie nur wenige Tage nach ihrer Fahrprüfung mit dem Rabensteiner Kurt Wurzenberger den zweiten Platz.

Hobbyhistoriker Gottfried Auer geht sogar noch weiter zurück in die Geschichte des Areals: 1841 war es eine Orangerie. „Essig und Branntwein wurden hier erzeugt“, berichtet er. Im Ersten Weltkrieg wurden Internierte und danach Kriegsgefangene festgehalten, etwa aus Italien, Serbien und Russland. „Zu Spitzenzeiten lebten 8.000 Personen hier“, weiß der Rabensteiner Topothekar.

In einem Gebäudetrakt war die 1927 gegründete Molkerei Rabenstein-Steinklamm einige Jahre untergebracht und in den 1930er-Jahren gab es ein Erholungsheim für Kinder aus Wiener Privatschulen. Viele Informationen hat Auer von der noch lebenden Zeitzeugin und ehemaligen „Steinklammhof“-Besitzerin Herma Scheiber erhalten.

Auer hegt einen großen Wunsch: „Vergangenheit soll bei uns auch in Bezug auf den Steinklammhof Zukunft haben.“ Und so hofft und träumt er davon, dass der Torbogen als stummer Zeuge einer bewegten Vergangenheit für die Nachwelt erhalten bleibt.