Steine zum Leben erweckt. Evangelische Gemeinde will den Friedhof in Fridau renovieren und vor dem Vergessen bewahren.

Von Lukas Kalteis. Erstellt am 22. Juni 2021 (08:30)

Friedhöfe sind ein Ort der Erinnerung. Damit das auch in Zukunft so bleibt, soll der beinahe verfallene evangelische Friedhof in Fridau nahe dem Schloss renoviert und vor dem Vergessen bewahrt werden.

Eingebettet zwischen der viel befahrenen Pielachtaler Hauptstraße und einem dicht bewaldeten Hügel spiegelt die Lage des jahrhundertealten Gottesackers den Lärm des Diesseits und die Stille des Jenseits wider.

Versteckt hinter Bäumen und meterhohem Gras schlängelt sich der Efeu um ein großes stählernes Kreuz und die wenigen erhaltenen Grabsteine, die in Internetforen als „Lost Place“ beschrieben werden. Der Vorstand der St. Pöltner evangelischen Gemeinde, das sogenannte Presbyterium, beschloss nun, diesen geschichtsträchtigen Ort aus dem Dornröschenschlaf zu holen und ihn in Zusammenarbeit mit Steinmetz Markus Kern und Gutsverwalter Ludovico Tacoli zu revitalisieren.

Neue Grabsteine, eine Stiege und mehrere Sitzgelegenheiten sollen den Friedhof zukünftig auch zum gemütlichen Aufenthaltsort der Lebenden machen, die hier Ruhe finden können.

Mit den ersten Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch das Dickicht des Waldes bahnen, packt Pfarrer David Zezula seine Gitarre aus und stimmt das Kirchenlied „Ins Wasser fällt ein Stein“ an. Das Lied verbindet der Pfarrer einerseits mit den Grabsteinen, über die er vor einiger Zeit stolperte und deren Geschichte er während der Zeit des Lockdowns aufarbeitete. Andererseits ist dieses Lied für ihn auch Sinnbild für Luthers Thesenschlag, der die Reformation ausgelöst und wie ein ins Wasser fallender Stein weite Kreise gezogen hatte.

Die evangelische Kirche in der Region

„Der Protestantismus schwappte um 1525 auch nach Österreich herüber, hatte es aber nicht leicht. Bis zum Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. wurden Evangelische verfolgt und konnten ihren Glauben nur geheim ausleben. Erst ab 1781 war es unter strengen Voraussetzungen möglich, evangelische Gemeinden und Gotteshäuser zu errichten. Diese durften aber nach außen nicht als Kirchen erkennbar sein. Die rechtliche Gleichstellung mit der katholischen Kirche erfolgte schlussendlich erst 80 Jahre später unter Kaiser Franz Joseph“, schildert David Zezula die bewegte Geschichte des Protestantismus in der Region, in der Fridau eine zentrale Rolle spielte.

Evangelische Begräbnisse an der Stelle des Friedhofs sind bereits ab 1780 belegt. Seit 1858 gilt der Ort offiziell als Friedhof und ist bis heute auch als solcher im Grundbuch eingetragen. Auch wenn die letzte Beisetzung bereits im Jahre 1931 erfolgt war, wurden hier noch bis mindestens Mitte der 1950er Jahre Freiluftmessen gefeiert.

„Die offizielle Gründung des Gottesackers geht auf den Schlossbesitzer Gustav Adolf von Bentinck zurück, der seiner evangelischen Gefolgschaft eine Beisetzung nach protestantischem Ritus ermöglichen wollte. Zu dieser Zeit wurde im Schloss auch eine Kapelle eingerichtet, die den Beginn der Evangelischen Kirche St. Pöltens markiert“, erzählt David Zezula weiter.

Sofern das Presbyterium zustimmt, wäre es auch heute noch möglich Urnenbestattungen in Fridau durchzuführen, da der Friedhof offiziell nie aufgelassen wurde. Damit würde der geschichtsträchtige Ort wieder ins Gedächtnis der Gläubigen gerückt, und den Steinen dauerhaft Leben eingehaucht werden.