DFC Heidenreichstein: Verein stellt Betrieb vorerst ein. Streitigkeiten zwischen Spielerinnen und Chef Robert Redl eskalierten. Waldviertel-Pionier Heidenreichstein zieht sich aus der Meisterschaft zurück.

Von Bernd Dangl. Erstellt am 23. Juni 2021 (05:12)
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Blick zurück auf erfolgreichere Zeiten: Mit dieser Mannschaft schaffte Robert Redl (stehend, links) in der Saison 1986/87 den erstmaligen Aufstieg in die österreichische Frauen-Bundesliga.
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Knalleffekt in der Waldviertler Frauenfußball-Szene: Der langjährige Bundesligist und Pionier-Verein DFC Möbel Handl Heidenreichstein, zuletzt in der Landesliga aktiv, wird in der kommenden Saison an keiner Meisterschaft teilnehmen. Der Grund: Zu wenige Spielerinnen und interne Grabenkämpfe, die den Verein in einem sich lange aufschaukelnden Prozess richtiggehend implodieren ließen. Am Ende zog DFC-Sektionsleiter Robert Redl die Reißleine, stellte den Spielbetrieb „ruhend“.

Die Hauptdarsteller des Dramas: Auf der einen Seite Robert Redl, Gründer, Mastermind, Chef des DFC Heidenreichstein. Redl: ein Pionier der österreichischen Frauenfußball-Szene. Zu Beginn der 1980er Jahre etablierte er im nördlichen Waldviertel einen der ersten Frauenfußball-Vereine Österreichs. Später stellten sich große Erfolge ein: Heidenreichstein kickte jahrelang in der Bundesliga, zog zweimal ins ÖFB Cup-Finale ein.

Ihm gegenüber: ein Teil seiner eigenen Mannschaft. Zehn Kickerinnen – Denise Pruckner, Jasmin Pruckner, Carina Kandler, Lisa Neudert, Julia Winkler, Vanessa Maierhofer, Vanessa Domini, Nina Mader, Natalie Forstner, Lisa Zibek – die sich bei diesen Grabenkämpfen zunächst im Hintergrund hielten, sich nun aber mit einem Brief an die NÖN-Sportredaktion wandten. Die Conclusio dieses Schreibens: Diese zehn Spielerinnen wollen nicht mehr mit Redl zusammenarbeiten und seien zunehmend verzweifelt, weil dieser eine Alleinherrschaft führe. Nur noch die tschechischen Legionärinnen sowie drei Spielerinnen – wobei zwei quasi nur noch aushilfsmäßig dabei sind – stehen auf Redls Seite.

Um den Vorwurf der „Alleinherrschaft“ zu verstehen, bedarf es einen Blick zurück in den Dezember 1984. Zu diesem Zeitpunkt beschloss Redl, mit einer Frauenmannschaft an der Meisterschaft teilzunehmen. Aufgrund von österreichweit nur wenigen Frauen-Teams stieg der DFC damals in der 2. Bundesliga ein. Weite Anfahrten zu Spielen verlangten auch ein Mehr an Kosten, die Redl und die damaligen FC-Funktionäre nicht der Männersektion des FC Heidenreichstein zumuten wollte. Auf der anderen Seite wollte Redl auch finanziell unabhängig sein. Kurzum: Zwischen dem FC und dem DFC Heidenreichstein wurde ein Vertrag aufgesetzt, dass im wechselseitigen Verhältnis niemand für den anderen haftbar gemacht werden kann. Allerdings musste der DFC ein eigenes Budget aufstellen, um den Spielbetrieb abzusichern. Dafür agierten beide Vereine auch bei der Führungsstruktur völlig unabhängig und hatten sich nicht in die Angelegenheiten des jeweils anderen einzumischen.

Der Auslöser der Streitigkeiten: Wann genau der Start-Zeitpunkt für das mittlerweile stark zerrüttete Verhältnis zwischen Redl und der Mannschaft, war, sind sich alle Protagonisten einig.

Im Schreiben der Spielerinnen an die NÖN steht folgendes: „Sicherlich war es für viele von uns ein einschneidendes Ereignis als im Frühjahr 2020 Mario Groschan plötzlich als Co-Trainer (Anm.: Cheftrainer war Redl selbst) vom Vorstand abgesetzt wurde. Seither obliegt die alleinige Verantwortung des Vereins Robert Redl. Wir haben damals bereits zum Ausdruck gebracht, dass wir gerne wieder einen neuen Co-Trainer haben möchten, da dadurch das Training abwechslungsreicher wird und sich der organisatorische Stress, den die Leitung eines Vereins durchaus mit sich bringt, auf zwei Personen aufgeteilt werden kann. Somit hätte man eine optimale Betreuung des Teams gewährleisten können.“

Dass er der Bitte um einen neuen Co-Trainer nicht nachgekommen sei, so Redl, falsch. „In Anwesenheit von FC-Präsident Hörmann, Obmann Haider und einiger Spielerinnen habe ich am 21. Oktober 2020 Lenka Steffanova als Co-Trainerin installiert und Robert Fasching (sportlich) und Mario Perathoner (organisatorisch) zur Unterstützung geholt.“ Doch dann kam die nächste Corona-Pause.

Redl weiß auch, dass der Rauswurf von Groschan, den er in Rücksprache mit dem FC-Vorstand gesetzt habe, bei der Mannschaft nicht gut ankam. „Es war das erste Mal in den bis dahin 39 Jahren, dass ich jemanden beim Verein rausgeworfen habe. Groschan hat seine Kompetenzen mehrfach überschritten, etwa eigenmächtig ein Trainingslager in Prag gebucht, Dressen bestellt, obwohl wir bezüglich Aufdruck vertraglich an unsere Hauptsponsoren gebunden waren.“ Bei den Spielerinnen kam dieser Rauswurf nicht gut an. „Ab dann hat er alle gegen mich aufgewiegelt“, sagt Redl. Groschan bestreitet erst gar nicht, dass er ein Trainingslager organisiert hätte. „Ich wollte Robert organisatorisch unterstützen und dachte nach Rücksprache mit Führungsspielerinnen, dass das eine gute Idee ist. Es war alles finanziert und ich habe Robert auch um sein ‚Okay‘ gebeten. Von Hintergehen kann hier keine Rede sein.“

Ein weiterer Hauptdarsteller ist Lukas Flicker. Der Spieler des FC ist dort auch im Vorstand tätig und war quasi Ansprechpartner der Kickerinnen, wie diese schreiben: „Verzweifelt und am Ende unserer Ideen wandten wir uns unter anderem auch an Funktionäre des FC Heidenreichstein. Hier kam auch der viel umstrittene und medial als Buhmann deklarierte Lukas Flicker ins Spiel. Dieser hatte dankenswerterweise ein offenes Ohr für unsere Probleme und versuchte, trotz vielfacher Kritik von mehreren Seiten, unsere Anliegen auch dem Vorstand des FC Heidenreichstein darzulegen. Auch der Vorstand versuchte zu vermitteln, aber nach der letzten Sitzung Anfang Mai 2021 wurde noch einmal ein für alle Mal geklärt: Das alleinige Entscheidungsrecht aller Angelegenheiten des DFC Heidenreichstein liegt bei einem einzigen Mann: Robert Redl. Und so kann und darf uns Spielerinnen niemand offiziell helfen oder unterstützen – außer natürlich Redl selbst.“

Bei Flicker – aber auch anderen Personen, die sich nach außen mehr oder weniger im Hintergrund hielten – fanden die Spielerinnen ein offenes Ohr. Aufgrund der angespannten personellen Situation wurde eine neue Idee geboren, die für zusätzlichen Zündstoff sorgte. Über DFC-Spielerinnen, die aus der Umgebung von Thaya stammen, wurde der Kontakt zum SCU Thaya geknüpft. Dort sollte eine Frauenfußball-Sektion ins Leben gerufen werden, um künftig mit Heidenreichstein zu kooperieren. Vorarbeiten dazu leisteten Flicker & Co. bereits zu Beginn dieses Jahres – ohne dem Wissen von DFC-Chef Robert Redl. Der wurde erst vom Bruderverein FC darüber in Kenntnis gesetzt, als diesem von den „Spielgemeinschafts-Initiatoren“ ein „Vertrag zur Bildung einer Frauenspielgemeinschaft“ ausgehändigt wurde. Heikel: In diesem Vertragsentwurf – der der NÖN vorliegt – wurde auch festgeschrieben, dass, sollte es zu einer Auflösung der SG kommen, die beiden Hauptvereine sämtliche Zahlungsverpflichtungen im Prozentsatz 50:50 zu tragen hätten. Im Falle des DFC wäre rein rechtlich der FC Heidenreichstein „Hauptverein“. Weiters war laut Vertragsentwurf die Neugründung eines Vereins angedacht, mit neuem Logo und neuem Hauptsponsor.

Der Umstand, dass der FC eventuellen Zahlungsverpflichtungen der Frauen nachzukommen hätte, sei für diesen „nicht akzeptabel“ gewesen. Das sagt FC-Kassier Roman Flicker. Dieser tritt in dieser Causa im Namen des FC-Vorstandes auf, möchte sich aber nicht zu tief in diese Sache involvieren lassen. Robert Redl gibt er allerdings ein Alibi. Denn: Lukas Flicker, Unterstützer der Kickerinnen, wirft Redl in einem Schreiben an die NÖN vor, dass er (Redl) niemals ernsthaft eine Spielgemeinschaft mit Thaya – die aus seiner Sicht aus rein personeller Natur die einzige Lösung gewesen wäre – angestrebt hätte. In diesem Schreiben von Lukas Flicker heißt es: „Redl hat mit Thaya ein Gespräch gehabt, wo er die rechtliche Lage erklärt, aber weder das Thema Spielgemeinschaft angeschnitten oder eine sonstige Zusammenarbeit angesprochen hat.“ Sowohl Redl, als auch FC-Kassier Roman Flicker dokumentierten mehrere Treffen mit Thaya-Funktionär Roman Trefanitz. Vor wenigen Tagen war Trefanitz sogar bei einer Vorstandssitzung in Heidenreichstein anwesend. Weiters war Hauptsponsor Alfred Handl in die Entscheidungsfindung eingebunden. Am Ende fruchteten diese Gespräche zwischen Heidenreichstein und Thaya nicht. Auch, weil sich die Zahl der Mädchen im Laufe der Zeit reduzierten. War zunächst von „20 Spielerinnen“ die Rede, sprach Trefanitz gegenüber der NÖN im Mai von „höchstens fünf bis sieben“. Laut Redl hätte ihm Trefanitz zuletzt mitgeteilt, dass Thaya nur noch zwei bis drei Spielerinnen zur Verfügung hätte stellen können.

Als vorige Woche der Nennschluss des NÖFV für die kommende Saison näher rückte, überschlugen sich in der Burgstadt die Ereignisse. Redl meldete per e-mail an den Verband, dass er die Mannschaft aus der Landesliga zurückziehen werde, meldete das Team aber noch nicht gänzlich ab. Ein Wechsel in die Gebietsliga stand aber durchaus im Raum. Zu diesem Zeitpunkt bekam die Angelegenheit eine eigene Dynamik. Lukas Flicker, Sprachrohr der Spielerinnen, meldete – obwohl laut Vertrag nicht berechtigt – die Mannschaft beim NÖFV. Auf Rückfrage beim NÖFV zeigte sich auch der für den Spielbetrieb zuständige Herbert Wesely überrascht: „In den vergangenen Jahrzehnten haben wir das immer mit dem Herrn Redl gemacht. Diesmal kam hier eine andere Meldung. Ich weiß nicht genau, was in Heidenreichstein los ist.“ Bei der Klasseneinteilung des NÖFV schien Heidenreichstein vorerst bei der „Gebietsliga Mostviertel“ auf – allerdings mit Fragezeichen. Ein Umstand, der aber nicht eintreten wird. Zuvor – am 14. Juni und letztmals am 16. Juni – bot Redl Thayas Trefanitz sogar an, die Heidenreichstein-Spielerinnen zu übernehmen, um eine eigenständige Thaya-Mannschaft ins Rennen schicken zu können. Laut einem der NÖN vorgelegten Protokoll hat Trefanitz das abgelehnt.

Wie geht‘s jetzt weiter? Die Spielerinnen haben nun vorerst die kostenlose Freigabe und können sich einem anderen Verein anschließen. Allerdings bleiben sie Heidenreichstein-Spielerinnen und sind quasi ein Jahr lang „transfergeschützt“. Heißt: Nimmt Heidenreichstein in der kommenden Saison wieder den Spielbetrieb auf, müssen sie zum DFC zurück. Laut Lukas Flicker würden diese Spielerinnen, die sich mit einem Schreiben an die NÖN wandten, mit Sicherheit nicht mehr unter Redl beim DFC spielen. „Leider hat hier die falsche Seite gewonnen. Wir wurden durch ein Papier und die Machtgier einer Person um die letzte Chance auf eine Rettung des DFC beraubt.“ Glaubt Redl an ein Comeback? „Da bin ich eher pessimistisch.“ Mit Hauptsponsor Alfred Handl sei Redl vor der Abmeldung in permanentem Austausch gestanden. Diesem habe er auch Chatprotokolle vorgelegt, wo gegen die tschechischen Spielerinnen und jene Inländerinnen, die auf Redls Seite stehen, verbal geschossen wird. „Alfred Handl und ich sind uns einig, dass Respektlosigkeit und Ausgrenzung in der heutigen Zeit nichts zu suchen haben. Der DFC war immer ein Aushängeschild der Stadt.“