Keramikstadt Wilhelmsburg liegt in Scherben. Enttäuschung und Frust bei Arbeitern und Bevölkerung, dass Traditionsbetrieb Produktion beendet.

Von Martin Gruber-Dorninger und Inge Moser. Erstellt am 18. Februar 2020 (04:42)
Vor der Sky Gallery mit Vertretern des Betriebsrates, der Gewerkschaften sowie Nationalrat Rudolf Silvan, Rudolf Zöchling, Adelheid Leitner, Erich Berger, Thomas Frühwald, Hubert Berger, Jürgen Prankl, Thomas Gerstbauer, Rudolf Pistracher, Jürgen Kahri und Herbert Fuchs.
Inge Moser

Keramik und Wilhelmsburg – zwei Begriffe, die bisher unmittelbar miteinander in Verbindung standen. Am Mittwoch wurde das Ende einer jahrhundertelang dauernden Beziehung bekannt gegeben. Die Firma Laufen wird die Produktion in der Traisenstadt einstellen. Verwaltung und Logistik bleiben zwar, 130 der 190 Mitarbeiter verlieren aber ihren Job.

Mit der Verlagerung der Produktion des berühmten Lilienporzellans von Wilhelmsburg nach Tschechien wurde der Stadt schon 1997 kurz vor Weihnachten ein Tiefschlag versetzt. Nun werden die Brennöfen auch im Keramikbereich endgültig erlöschen. Der spanische Roca-Konzern begründet die Kündigungen mit der Verlagerung der Produktion und mit einer negativen Bilanz im Vorjahr. Die Auslastung des Ofens sei stetig gesunken und der Preisdruck im In- und Ausland sei eine weitere Folge heißt es seitens des Konzerns.

„Es tut richtig weh, wenn man mit diesem Betrieb verwurzelt ist. Wir haben den Titel ,Industrie-Stadt’ nun endgültig verloren"

Die Stimmung auf Wilhelmsburgs Straßen ist gedrückt. Einige schütteln verständnislos den Kopf, manche sind wütend. Christian Polierer ist Modelleur und war zuletzt in der Entwicklungsabteilung tätig. „Es tut richtig weh, wenn man mit diesem Betrieb verwurzelt ist. Wir haben den Titel ,Industrie-Stadt’ nun endgültig verloren“, ist Polierer enttäuscht. Über 200 Jahre Erfahrung im Keramikbereich würden von einem Tag auf den anderen verloren gehen. Die Branche würde zusehends auf Digitalisierung setzen und weniger auf handwerkliches Geschick.

Christine Schick war von 1986 bis 1998 angelernte Handmalerin in der damaligen ÖSPAG. Sie musste einst den Betrieb verlassen, als 1997 das Lilienporzellan nach Tschechien ausgelagert wurde. Sie sah noch selbst zu, wie die Maschinen abgebaut wurden. „Mir war das alles zu viel, ich hab‘ mich in eine Ecke verdrückt und geweint“, erinnert sie sich. Die Wunden wurden durch die jüngsten Ereignisse wieder aufgerissen. „Mein Mitgefühl gehört den Betroffenen“, so Schick.

Spezialisierte Arbeiter müssen umschulen

Einer von ihnen ist Hubert Berger. Als Arbeiterbetriebsrat kämpft er für bessere Bedingungen, nicht nur für sich, sondern auch für die vielen Arbeiter, die nun auf der Straße stehen. Seit 1986 arbeitet er bei Laufen. „Es ist eine Katastrophe. Da arbeitet man jahrzehntelang mit den Kollegen und dann passiert das von heute auf morgen. Für mich wird es schwer werden, mit 55 Jahren noch einen Job zu finden“, ist Berger verzweifelt.

Rudolf Pistracher ist Schlosser und seit 2011 bei der Firma. Er ist Arbeiter-Betriebsrat.
NOEN

Seit 2011 ist der Wilhelmsburger Rudolf Pistracher bei der Firma als Schlosser tätig und auch Arbeiterbetriebsrat. „Ich werde in meinem Beruf wahrscheinlich leichter Arbeit finden. Bei einem Sanitärgießer ist das wahrscheinlich nicht so einfach.“

Beim AMS sind ab 24. März bereits 23 Personen gemeldet, eine Arbeitsstiftung ist in Planung. Viele Arbeiter sind hoch spezialisiert. In ihrer Branche einen ähnlichen Job in der Umgebung zu finden, ist nahezu aussichtslos. Von der Firmenleitung wurde gar angeboten, den einen oder anderen Arbeitsplatz für Wilhelmsburger in Gmunden zu schaffen. Dort soll der Standort gestärkt werden. Jürgen Kahri ist Betriebsrats-Vorsitzender der Arbeiter. Er denkt, dass etwa achtzig Prozent der Arbeiter eine Umschulung machen müssen. „Die Hälfte der Arbeiter sind Wilhelmsburger, die anderen aus der näheren Umgebung.“

Bürgermeister denkt an weitreichende Folgen

Manfred Schönleitner trifft es gleich doppelt. Er ist Geschäftsführer einer Schlosserei, die viele Aufträge von Laufen erhält. Obendrein betreibt er das Geschirr-Museum. „Ich weiß, was die Schließung des Werkes für meine Schlosserei als Zulieferbetrieb und Wartungstätigkeiten bedeutet. Ich habe viele Werkzeuge für den Betrieb schon zu ÖSPAG-Zeiten und jetzt auch für die Firma Laufen gemacht.“

Ein historisches Zeugnis der Keramikfirma aus 1872. Der Packer fertigte eine Stückgutbeigabe der Steingutfabrik als Neujahrswunsch an die Abnehmer an
privat

Für das Geschirr-Museum in Wilhelmsburg fällt nun gleich der Hauptsponsor weg. Die Firma Laufen ist jetzt nicht mehr zuständig. „Ich werde Gespräche mit Personen der öffentlichen Hand beginnen, um das Schicksal einer Schließung abzuwenden“, gibt Schönleitner sein Herzensprojekt nicht auf.

Bürgermeister Rudolf Ameisbichler fordert Politiker und Konzerne dazu auf , sich um die Anliegen derjenigen zu kümmern, die bald auf der Straße stehen werden. Außerdem gibt er zu bedenken, dass noch viel mehr daran hängt. „Lieferanten, und noch viele andere, werden das spüren“, so Ameisbichler.

„Lieferanten, und noch viele andere, werden das spüren"

Hubert Berger ist Tunnelofen-Arbeiter und seit 1986 in der Firma Laufen beschäftigt.
NOEN

Die Verhandlungen für einen Sozialplan werden noch mehrere Wochen dauern. „Das Unternehmen ist bemüht, eine sozial verträgliche Lösung zu finden und als ersten Schritt Härtefälle abzufedern“, so ein Sprecher von Laufen Austria AG.