Zwangsarbeit bis 1945: Vergessen und verdrängt. Bis 1945 wurden hunderte Menschen als Zwangsarbeiter in der Region St. Pölten ausgebeutet und mussten ihr Dasein in Barackenlagern fristen.

Von Lukas Kalteis. Erstellt am 23. Juni 2021 (04:00)

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zogen auch über der Region um die Traisenstadt schwarze Wolken auf. Da die wehrfähigen Männer alle vom Militär eingezogen worden waren, wurden sie durch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ersetzt, die in Baracken eingepfercht wurden.

Der Liste des Bundesdenkmalamtes zufolge gab es allein im Gebiet der heutigen Stadt 23 dieser Lager.

„Es war eine Sklavenhaltergesellschaft, die die billige Arbeitskraft von Männern, Frauen und sogar Kindern ohne Mitleid ausgenutzt hat und finanziellen Profit aus dem Holocaust schlug. Beinahe alle Betriebe in der Stadt und alle größeren Bauernhöfe in der Region nutzten Zwangsarbeiter für ihre Produktion“, gibt Archivar Thomas Lösch zu bedenken.

Viele schufteten in Glanzstoff-Fabrik

Das größte Lager der Stadt wurde um 1942 nahe der Glanzstoff-Fabrik errichtet. Die dort internierten sowjetischen Frauen und Männer aus verschiedensten Ländern wurden in der Fabrik für die Produktion von „kriegswichtigen“ Dingen wie Fallschirmen eingesetzt. „Wir haben in Baracken geschlafen, 30 Leute in einem Zimmer mit vielen Flöhen. Ich war jung, 16Jahre, und musste zwei Webstühle mit 77 Spulen zwölf Stunden pro Tag beobachten und wechseln. Wenn etwas schiefging, kam der Obermeister und gab mir eine Watsche“, schilderte die Ukrainerin Nina Sharikowa ihr Martyrium in einem Interview. Das Areal des ehemaligen Lagers wurde 2017 unter der Leitung von Stadtarchäologe Ronald Risy ausgegraben. Bis auf die Fundamentreste des Lagers wurden auch Artefakte wie Stacheldraht und Scherben freigelegt. Der Großteil der Funde stammte allerdings aus der Zeit nach dem Krieg, da die Baracken noch einige Jahrzehnte zu einem Zufluchtsort für ärmere Menschen wurden.

Lager für Juden aus dem Osten

Auch im Bereich des heutigen Viehofner Sees, wo an heißen Tagen hunderte Menschen ihre Freizeit genießen, befand sich damals ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter, die in Viehwaggons aus Ungarn hergekarrt wurden, nachdem die St. Pöltner Juden bereits nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 vertrieben, ermordet oder deportiert worden waren.

„Die Waggons waren geschlossen. Sie gaben uns tagelang nichts zu essen, nur durch kleine Schlitze haben sie mit einem Schlauch Wasser hereingespritzt. Wir waren 72 Personen in einem Waggon und hatten kaum Platz. Daher habe ich mich furchtbar aufgeregt, als ich gesehen habe, dass einer den besten Platz an der Tür bekam und sich hinlegen konnte. Ich wusste nicht, dass er tot war“, erzählte die Jüdin Olga Balog.

Jüdische Zwangsarbeiter regulierten Traisen

Die circa 180 jüdischen Frauen und Männer mussten bei der Regulierung der Traisen unter widrigsten Bedingungen schuften. Die Erwachsenen wurden gezwungen, Böschungen aufzuschütten und Schotter zu gewinnen und zu transportieren.

„Wir Kinder mussten Holzstämme millimetergenau zusägen und dann exakt stapeln. Im Lager mussten wir uns immer alle in einer Reihe aufstellen, wenn wir gezählt wurden, und die SS-Leute überprüften, ob wir auch genug gearbeitet hatten“, beschrieb Olga Balog ihren traumatischen Alltag im Lager.

Während die Rote Armee vorrückte, nutzten viele die Luftangriffe der US-Luftwaffe, um zu entkommen. „Wenn die Bomben kamen, sind die deutschen Wachen in die Keller und haben uns alleine gelassen. Unter dem schrecklichsten Bombardement sind wir dann geflüchtet und zu den Russen gelaufen“, erzählte Olga Balog weiter.

Andere hatten weniger Glück. Die Menschen, die in den Lagern ausharrten, wurden von der Waffen-SS in einem Todesmarsch in Richtung Konzentrationslager Mauthausen getrieben. Kranke und nicht gehfähige Menschen wurden von den Soldaten noch im Lager erschossen und im Schotter verscharrt.

Aber auch rund um St. Pölten gab es verschiedene Lager. Darunter ein Zwangsarbeiterlager bei Böheimkirchen und das Kriegsgefangenenlager des ehemaligen Fliegerhorsts in Markersdorf, das allerdings durch Luftangriffe und die fliehenden Deutschen zerstört wurde.

„Um den Russen kein intaktes Rollfeld zu überlassen, mussten die Lagerinsassen den Flugplatz vor der Flucht der Deutschen umpflügen. Die Russen zwangen uns Kinder dann, dieses wieder zu glätten“, erinnert sich der 91-jährige Ferdinand Kalteis, der damals seiner Tante entrissen und von Soldaten einfach mitgenommen wurde.

Das Rad der Zeit dreht sich unaufhaltsam weiter und tilgt Erinnerungen, die nicht aktiv vor dem Vergessen bewahrt werden. „Es ist dringend an der Zeit, zu dieser dunklen Vergangenheit zu forschen, da sonst sehr viel Wissen für immer verloren geht. Es gibt kaum noch Zeitzeugen und auch die materiellen Spuren werden stetig weniger“, so die Direktorin des Instituts für jüdische Geschichte, Martha Keil, die ankündigt, einen weiteren Forschungsantrag zu diesem Thema zu stellen.

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