Richard Pils: „Wissen vor Vergessen bewahren“. Verlagsgründer und Schlossherr Richard Pils möchte jahrhundertealte Erfahrungen und Erkenntnisse vor dem drohenden Vergessen bewahren.

Von Monika Freisel. Erstellt am 05. März 2021 (00:09)

Fast könnte man ihn einen Universalgelehrten nennen, studierte Richard Pils doch Anatomie bei Hans Asperger, Mathematik, Physik, Pädagogik, Germanistik, Sinologie, Soziologie und Rechte an den Universitäten Innsbruck, Klagenfurt und Linz, schließlich absolvierte er das Studium der Malerei und Grafik an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. „Ich habe während meiner Studienzeit Vorlesungen an verschiedenen Fakultäten besucht, gehalten von Dozenten, die ich schätzte und deren Wissensgebiet mich interessierte,“ erklärt Richard Pils, Gründer des Verlags „Bibliothek der Provinz“, seinen ungewöhnlich vielseitigen Bildungsweg.

Der Zopf als Hommage an die Großmutter. Der heute 74-jährige Mann mit dem charakteristischen Zopf wuchs im oberösterreichischen Mühlviertel als Sohn einer Kleinbauernfamilie auf, sein Vater war zudem Schaffner bei der Eisenbahn. Liebevoll betreut wurde er als Bub von seiner Großmutter, der er jeden Morgen den Zopf flocht - sein eigener Zopf ist gewissermaßen eine Hommage an die Oma. Nach Absolvierung der Lehrerbildungsanstalt unterrichtete Richard Pils in Kefermarkt, später in Haid bei Königswiesen, dort war er auch Schuldirektor. 1988 organisierte er die Landesausstellung „Das Mühlviertel – Natur, Kultur, Leben“ im Schloss Weinberg oberhalb von Kefermarkt, sie wurde die Bestbesuchte des Landes. Dem Mühlviertel ist Pils nach wie vor verbunden. Er liebt die alten Bauernhäuser im „Steinbloß“-Stil, dem typischen Baustil der Höfe im Mühlviertel, an deren aus Granitsteinen gebauten Mauern die größeren Steine unverputzt bleiben und so das typische weiß-graue Erscheinungsbild der Fassaden bilden.

1989: Die „Bibliothek der Provinz“ wird gegründet. Da es keine vielfältige Verlagslandschaft in Oberösterreich gab, überlegte Pils, Bücher selbst zu produzieren, er wollte aber keinesfalls althergebrachten Pfade beschreiten. Zunächst dachte er nicht daran, einen Verlag zu gründen, sondern hatte vor, nicht-alltägliche Bücher mit neuer österreichischer Literatur zu machen. Er suchte zudem nach einer geeignete Bleibe. „Ich wollte unbedingt einen Bauernhof und begab mich auf die Suche in ganz Österreich. Irgendwann erhielt ich den Hinweis auf ein ehemaliges Wirtshaus mit kleiner Landwirtschaft in Großwolfgers.“ Eigentlich wollte Pils nicht unbedingt vom Mühl- ins Waldviertel ziehen, besichtigte aber dann doch den Hof und entschloss sich, ihn zu kaufen. „Die großen Räume waren ideal zur Unterbringung meiner Skulpturen, der Tanzboden ist heute mein Arbeitszimmer.“ Von den Skulpturen hat er sich inzwischen getrennt, das Büchermachen hörte nicht auf. Vorerst brachte er die Bücher unter dem Label „publication PN° 1“ heraus, daraus wurde später die „Bibliothek der Provinz“. 1989 meldete er das Gewerbe für den Betrieb eines Verlages an.

Auszeichnungen für hochwertig hergestellte Bücher. Inzwischen sind an die 2.000 Buchtitel entstanden. Nach welchen Kriterien entscheidet nun ein Verleger, welche Bücher er publizieren will? „Aufsaugen, wahrnehmen, welche Geschichten es gibt. In jeder Erzählung ist Leben gebannt und Erfahrung enthalten. Es wäre schade, dass diese verschwänden, wenn jemand stirbt,“ erläutert Pils. In den Büchern will er jahrzehnte-, teils auch jahrhundertealte Erfahrungen und Erkenntnisse vor dem drohenden Vergessen bewahren. Menschen schicken ihm Manuskripte, jeden Tag kommen zwei bis drei dieser Schriftstücke zu ihm. Wenn ihn eines bewegt, will er es realisieren. Besonderen Wert legt Pils auf hochwertig gefertigte Ausgaben, wofür der Verlag „Bibliothek der Provinz“ vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Das altchinesische Schriftzeichen „tse“ auf dem Rücken der Bücher bedeutet „fadengebundenes Buch“ und ist als Hinweis auf die besondere Qualität der Herstellung zu verstehen. Lyrik-, Belletristik-, Musik- und Kinderbücher, Regionalia, Klassikerneuausgaben und mehr als 100 Kunstbände sind im Verlag erschienen, zahlreiche davon aus der Feder namhafter Autoren wie Georg Trakl, Joseph Roth, Adalbert Stifter, Franz Kafka, Herbert Achternbusch, Peter Turrini, Josef Winkler oder Marlene Streeruwitz. Im heurigen Frühjahr erscheinen 32 neue Titel, auch das Herbstprogramm ist bereits fixiert.

Musiksommer 2021 auf Schloss Raabs noch ungewiss. Schlossherr wollte Richard Pils nie werden, dennoch ersteigerte er im Jahr 1996 das Schloss Raabs. In den Erhalt der Bausubstanz und die behutsame Sanierung der im 11. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnten geschichtsträchtigen Festung investiert er seitdem jährlich viel Geld und Herzblut. Im Sommer veranstaltet der kunstsinnige Verleger hochkarätige Veranstaltungen im Schloss. 20 Jahre lang war es Austragungsort des Poetenfestes. Buchausstellungen, Vorlesungen, Symposien und Konzerte sowie der Musiksommer mit Meisterkursen für Violine, Bratsche, Violoncello, Klarinette und Kammermusik finden regelmäßig statt. Ein Wermutstropfen ist die Ungewissheit, ob der Musiksommer heuer trotz Covid-19-Pandemie abgehalten werden kann.

„die fabrik“ präsentiert heuer drei große Ausstellungen. 2010 erwarb Richard Pils die seit Jahren leer stehende Eisenberger-Fabrik in Gmünd. Es war ihm ein Anliegen, dieses Baujuwel vor dem Verfall zu retten. Die Textilweberei wurde 1924 als einer der ersten Stahlbetonbauten Österreichs errichtet und beeindruckt durch ihre besondere Architektur. Nach diversen Sanierungsarbeiten ist „die fabrik“ nun eine Plattform für Kunst und Kultur. Für heuer sind drei große Ausstellungen geplant: Nikolaus Korab – Portrait-Fotografie (Vernissage am 8. Mai), Roman Scheidl – Gemälde, Florentina Pakosta – Malereien.

Die Vernissagen werden begleitet von Musik- und Literaturbeiträgen. Außergewöhnlich ist die Art der Objektpräsentation: Die Werke werden an scheinbar schwebenden Wandteilen angebracht, sodass der Eindruck entsteht, man blicke durch ein Fenster auf die Kunst. „Ein großes Anliegen von mir ist, dass Lehrer mit ihren Schulklassen aus Gymnasium, Schulzentrum und Mittelschule die Ausstellungen besuchen. Die Schüler könnten hier Kunst direkt erfahren und die Vernetzung mit Kulturen aus anderen Ländern und Zeiträumen kennenlernen,“ wünscht sich Pils. „Wir leiden seit Jahrzehnten an Kulturverlust im Mühlviertel und im Waldviertel. Man muss der Bevölkerung zeigen, was wertvoll, wichtig und bedeutend ist, damit sie Wertschätzung dafür entwickelt,“ fühlt Richard Pils sich dem Bildungsauftrag verpflichtet.

Die Ausstellungen sind jeweils an Samstagen, Sonn- und Feiertagen geöffnet und bei freiem Eintritt zu besuchen. Pils sucht noch interessierte Studenten, die die Räumlichkeiten während der Öffnungszeiten betreuen.