Neuwirth wird 70: Musik als „Schall und Rauch“. Einer der größten „Schrammler“ der Gegenwart feiert runden Geburtstag: Roland Neuwirth wird 70.

Von Sebastian Dangl. Erstellt am 23. Oktober 2020 (04:56)
Geburtstagskind Roland Neuwirth.
Lukas Beck

Der Beruf des Musikers ist einer, den man sein Leben lang ausübt. Roland Neuwirth denkt mit bald 70 Jahren noch lange nicht ans Aufhören. Der „Modernisierer“ des Wiener Liedes hat musikalisch noch so einiges zu sagen, auch nach dem Ende der „Extremschrammeln“ 2016. Was der Wahl-Waldviertler in nächster Zeit vorhat, und wie es um die österreichische Musik steht, verriet er im NÖN-Interview.

NÖN: Wann fiel die Entscheidung, dass Sie die Musik zum Beruf machen wollen?

Roland Neuwirth: Die Entscheidung ist eigentlich schon als kleiner Bub gefallen, aber es ist lange einfach nicht möglich gewesen. Meine Eltern wollten immer, dass ich einen „sicheren“ Beruf ausübe. Das war dann der Schriftsetzer. Dieser „sichere“ Beruf ist vor ungefähr 40 Jahren ausgestorben. Jetzt bin ich einer der wenigen, die froh sind, einen unsicheren Beruf zu haben.

Sie leben seit Längerem auch im Waldviertel in Mostbach bei Raabs. Was bedeutet die Region für Sie?

Ich lebe jetzt seit 1990 hier und will das Waldviertel nicht mehr missen. Gerade jetzt in Coronazeiten bin ich mehr hier als in Wien, wo aber natürlich meine Arbeit ist. Eigentlich war es meine Frau, die aufs Land ziehen wollte. Mir hätte einen kleines Fischerhüttl an der Donau auch genügt (lacht). Man muss den Frauen aber schon die Wünsche erfüllen, sonst ist es keine Ehe. Ich bin aber natürlich schon gerne hier, sonst hätte ich das Waldviertel nicht zu meiner Wahlheimat gemacht.

„Bei einem 70-Jährigen von einem Comeback zu sprechen wäre lächerlich.“

Nach dem Ende der „Extremschrammeln“ 2016 verabschiedeten Sie sich auch gesundheitsbedingt eine Zeit lang von der Bühne. Was hat Sie zur Rückkehr bewogen?

Zurückgekehrt kann man eigentlich nicht sagen. Ich war nie weg. 42 Jahre auf der Bühne mit den Extremschrammeln waren genug. Es stimmt schon, dass ich krank wurde (Anm. eine Form der Epilepsie mit immer wieder auftretenden „Aussetzern“ ereilte Neuwirth). Jetzt spiele ich halt nur mehr punktuell, versuche aber trotzdem, meine Sache möglichst gut rüberzubringen. Bei einem 70-Jährigen von einem Comeback zu sprechen wäre lächerlich.

Was steht in nächster Zeit an?

Eigentlich recht viel. Ich habe zwar erwähnt, dass ich nur mehr punktuell spiele, aber die nächste Zeit ist ein ziemlicher Wahnsinn. Es liegen zwei völlig unterschiedliche Projekte vor mir. Zum einen habe ich gerade frisch Schuberts „Winterreise“ ins Wienerische übersetzt und aufgenommen. Gemeinsam mit dem Pianisten Florian Krumpöck werde ich die Lieder im Dezember auch live spielen. Natürlich steht auch noch mein musikalisches Geburtstagsfest am 10. November im Wiener Konzerthaus an. Wenn ich 20 Jahre jünger wäre, würde mir das alles leichter fallen.

Was können sich die Zuhörer vom Geburtstagfest erwarten?

Ich bin gerade mitten in der Vorbereitung. Einige meiner selten gespielten Orchesterstücke werden aufgeführt werden. Ich habe auch viel Theatermusik geschrieben, die teilweise nur einmal aufgeführt wurde. Solche Sachen wollen auch wieder einmal gehört werden. Musik ist Schall und Rauch. Kaum gespielt, schon vorbei. Und weil ich ein starker Raucher bin, passt das eigentlich gut zu mir. Ach, und die „Extremschrammeln“ werden für den Abend auch noch ein letztes Mal „exhumiert“.

Wirklich zum „allerletzten“ Mal?

Man kann im Leben überhaupt nichts fix sagen, aber vorgesehen ist es nicht. Es ist mehr oder weniger nur ein Geburtstagsgeschenk für mich.

„Die Harmonik und Melodik der heutigen österreichischen Musik hat überhaupt nichts mehr mit unserer Kultur zu tun. Da ist vielleicht fallweise noch der Dialekt übrig geblieben, die anderen singen hochdeutsch oder englisch.“

Zuletzt haben Sie mit dem „radio.string.quartet“ ein Album veröffentlicht. Wie ist die Zusammenarbeit entstanden?

Angefangen hat das Ganze beim Kultursommer am Semmering, wo mir Florian Krumpöck nach der längeren Pause gesagt hat, ich gehöre wieder auf die Bühne. Wurscht mit was, er wollte, dass ich bei ihm auftrete. Ich hab mir gedacht, wenn, dann mit dem „radio.string.quartet“. Die beiden Geiger des Quartetts waren vorher lange bei den „Extremschrammeln“ dabei. Dadurch hatte ich schon den Bezug zu ihnen.

Was unterscheidet das Musizieren mit den „Extremschrammeln“ von dem mit dem „radio.string.quartet“?

Hauptunterschied ist natürlich der Klang. Es ist aber auch so, dass ich mit dem Streichquartett Sachen machen kann, die mit den Schrammeln nicht gehen und umgekehrt. Für das aktuelle Album „Erd“ haben die anderen Musiker meine Lieder genommen und für das Streichquartett bearbeitet. Dadurch gewinnt die Musik eine neue Qualität. Man kann die Stimmführungen besser hören, und die Essenz kommt mehr zum Tragen.

Wie steht es für Sie um die heutige österreichische Musik? Ist mit der Internationalisierung die Identität verloren gegangen?

Sie ist mittlerweile schon sehr global und amerikanisch ausgerichtet. Die Harmonik und Melodik hat überhaupt nichts mehr mit unserer Kultur zu tun. Da ist vielleicht fallweise noch der Dialekt übrig geblieben, die anderen singen hochdeutsch oder englisch. Dabei ist unsere Sprache die schönere, weil sie ältere Vokabel verwendet. Die Jungen können den Dialekt gar nicht mehr. Er ist mittlerweile zum Slang verkommen, doch der ist eine Modeerscheinung und nichts Gewachsenes. Aber es geht gar nicht so sehr um die Sprache. Auch die Melodik des Wienerliedes ist ganz anders als die amerikanische Melodik. Man hört das sofort. Die Musik ist heutzutage leider sehr austauschbar und zur Monokultur geworden. Ich bin aber für die Erhaltung der Vielfalt.