Waidhofen/Y. 1972: Wenn zwei Welten zu einer werden. Von der anfänglichen Skepsis zum Miteinander – nach 50 Jahren sieht die Situation in Waidhofen an der Ybbs ganz anders aus.

Von Anna Faltner. Erstellt am 21. April 2021 (05:23)
Der 1972 neu gewählte Waidhofner Gemeinderat unter Bürgermeister Franz Josef Kohout. Er zählt seitdem 40 Mitglieder.
Magistrat Waidhofen, Magistrat Waidhofen

Fast ein halbes Jahrhundert ist seit der Zusammenlegung von fünf Gemeinden vergangen, von denen die meisten gar nicht zusammengelegt werden wollten. Dennoch entstand 1972 die Statutarstadt Waidhofen. Nun ist schon etwas Gras über die Sache gewachsen, Stadt und Land reichen sich für eine bestmögliche Zusammenarbeit die Hände.

„Die Bergdörfer können sehr genau unterscheiden, wann sie sich als Windhager oder Zeller fühlen, und wann als Waidhofner. Zum einen sind sie Bergdörfler mit ihren eigenen Schulen und Kindergärten, ihren Vereinen und Gemeinschaften. Und gleichzeitig sind sie Städter, die gerne zum Einkaufen und für Veranstaltungen in der Stadt sind“, erzählt Stadtarchivarin Eva Zankl.

1973 wurde Erich Vetter (ÖVP) zum Bürgermeister der vereinten Stadt Waidhofen an der Ybbs gewählt. Er war stolz auf die erfolgreiche Zusammenlegung.
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So richtig überzeugt waren die zu integrierenden Gemeinden damals aber noch nicht – sie waren politisch unterschiedlich aufgestellt. Bis auf Sankt Leonhard am Walde waren fast alle Gemeinden gegen die Zusammenlegung.

„Die SPÖ-Gemeinden fürchteten, dass sie politisch unterbuttert würden, während die ÖVP-dominierte Land-Gemeinde Angst um ihre Eigenständigkeit hatte. Windhag war ein Sonderfall. Das Dorf auf dem Berg war politisch ÖVP-lastig, hatte aber wegen der Zugehörigkeit der Siedlung Raifberg immer einen SPÖ-dominierten Gemeinderat“, erklärt Zankl.

Die Gemeinden sorgten sich um ihre Entscheidungsfreiheit und, dass die Interessen der bäuerlichen Bevölkerung durch die Stadt nicht mehr wahrgenommen würden. Sie hatten Angst um ihre Schulen und Kindergärten – die man finanziell ohnehin kaum stemmen konnte –, und um ihre Vereine.

„Aber man erkannte auch die Chancen. Mehr Ertragsanteile und die Verdoppelung der Bevölkerungszahl waren ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Die Gemeinden hatten schnell gelernt, gut zu verhandeln, und sicherten sich die Zusagen für den Ausbau der Infrastruktur, den Erhalt der Schulen und die Unterstützung für die Vereine“, so die Stadtarchivarin.

Und so wurde die Zusammenlegung zum Erfolg. Die Bergdörfer behielten ihre Identität. Noch immer bleiben die Kinder bis zum Ende der Volksschule im Ort und die Vereine können ungestört ihrer Tätigkeit nachgehen. „Die Stadt profitiert vom Wochenmarkt, auf dem die Bauern ihre Produkte verkaufen, und die kulturellen Aktivitäten der Bergdörfer bereichern das Kulturleben der Stadt. ‚Stadt und Land – Hand in Hand‘ ist in Waidhofen nicht bloß ein Spruch, sondern gelebte Vielfalt“, betont Zankl.

Für Stadtchef Werner Krammer bietet Waidhofen seit bald 50 Jahren das Beste aus zwei Welten, aus dem städtischen und dem ländlichen Raum. „Denken wir zum Beispiel nur an die Konviktgartenkonzerte, die Vereinsaktivitäten oder unseren Wochenmarkt. Gerade jetzt, wo wir im nächsten Jahr das 50-jährige Jubiläum feiern, führen wir uns dieses Zusammenwirken wieder ganz deutlich vor Augen“, unterstreicht Krammer.

Eingemeindung ist ein andauernder Prozess

Vor allem bei den Veranstaltungen sehe man, wie Stadt und Land voneinander profitieren. „Wir profitieren auch von den Dorferneuerungsvereinen, die der Stadt ein gutes Beispiel sind, wenn es darum geht, selbst Hand anzulegen und das eigene Umfeld zu gestalten“, sagt der Stadtchef. Dennoch sei ihm bewusst, dass an dieser Verbindung stets intensiv gearbeitet werden muss.

„Aktuell machen wir das zum Beispiel in der Frage der Mobilität. Wir binden die Dörfer besser an das Stadtzentrum an. Das Dorfbussystem ‚Emil‘ steht in Windhag unmittelbar vor der Umsetzung. In Konradsheim und St. Georgen/Klaus steht ein ähnliches Modell in den Startlöchern. Und wir arbeiten kontinuierlich an der Siedlungserweiterung, um zusätzlichen Wohnraum zu bieten“, berichtet Krammer.

1972 wurde übrigens auch die Gemeinde Kröllendorf in die Gemeinde Allhartsberg eingemeindet. „Der Vorteil damals war, dass die beiden Gemeinden schon davor eine Pfarre waren, auch die Schule war für alle in Allhartsberg. Die Struktur ist dadurch gleich geblieben“, erzählt Bürgermeister Anton Kasser (ÖVP). Zwar hatten sich die Kröllendorfer damals gewehrt, heute diskutiert aber niemand mehr darüber.

„So wie es jetzt ist, sind wir alle zufrieden. Natürlich fühlt sich jeder in seinem ‚Dorf‘ zuhause, aber als Gemeinde sind wir über die Jahre ganz zusammengewachsen“, ist Kasser, der selbst in Kröllendorf zuhause ist, überzeugt. Einen Leerstand gab es durch die Zusammenlegung übrigens auch nicht, denn die „Gemeindestube“ war beim damaligen Bürgermeister zuhause.

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