Thomas Raidl: „Wir werden auch hier einen Weg finden“. Bürgermeister Thomas Raidl (ÖVP) über die Herausforderungen, welche die Coronakrise für die Gemeinde gebracht hat, sowie anstehende Projekte in Sonntagberg.

Von Andreas Kössl. Erstellt am 29. Mai 2020 (04:42)
Bei der Gemeinderatswahl im Jänner hat Bürgermeister Thomas Raidl (ÖVP) zwei Mandate dazugewonnen. Kurz darauf kam die Coronakrise. Nun kommen auf den Ortschef große Herausforderungen finanzieller Natur zu.   
Kössl

Bürgermeister Thomas Raidl: Nachdem wir schon bei der vorletzten Gemeinderatswahl über 16 Prozent dazugewonnen haben, habe ich mir erhofft, dass wir unser Ergebnis halten können. Dass es dann schließlich nochmal knapp neun Prozent mehr waren, ist natürlich eine Riesenfreude. Damit verbunden ist aber auch ein großer Auftrag, mit dem wir sorgsam umgehen werden.

Nur wenige Tage nach der konstituierenden Gemeinderatssitzung kam der Covid-19-Lockdown. Wie haben Sie die letzten zweieinhalb Monate erlebt?

Raidl: Noch am Sonntag, 15. März, hatten wir eine Besprechung, wie wir diese Krise organisatorisch meistern können, um den Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewährleisten, aber auch den Service der Gemeindeeinrichtungen erhalten zu können. Das hat sehr gut funktioniert, es war aber auch für alle Beteiligten eine dementsprechende Herausforderung. Ich möchte mich hier wirklich bei allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bedanken, die hier tatkräftig mitgeholfen haben, dass wir gemeinsam diese erste Phase so gut wie möglich über die Bühne gebracht haben. Danke auch allen Sonntagbergerinnen und Sonntagbergern für ihr Engagement in dieser herausfordernden Zeit.

Auch in Sonntagberg hat es Fälle von Covid-19 gegeben. Sie hielten Kontakt zu den Betroffenen. Wie ist es denen ergangen?

Raidl: Wir hatten insgesamt sechs Personen in der Gemeinde, bei denen Covid-19 nachgewiesen wurde. Seitens der Gemeinde waren wir telefonisch mit den Haushalten in Kontakt, um etwaige zusätzliche Hilfe zu gewährleisten. Dabei gab es Personen, die fast keine Symptome aufwiesen, aber auch welche, die ins Spital mussten. Auch jüngere Betroffene sagten mir, dass ihr Krankheitsverlauf schon sehr schwerwiegend war.

Mittlerweile sind alle genesen?

Raidl: Ja, seit Mitte April sind nun alle wieder gesund.

In der Gemeinde wurden in den letzten Wochen auch Hilfsdienste für Risikogruppen angeboten. Wie wurde das angenommen?

Raidl: Gott sei Dank funktioniert bei uns im Ybbstal noch das Miteinander. Es gab viele Nachbarn, die von sich aus, ohne großen Aufruf, aktiv geworden sind und Aktivitäten gesetzt haben. Daneben haben sich auch zahlreiche Menschen aus der Gemeinde bei uns gemeldet, die bereit waren, Hilfsdienste zu übernehmen. Auch der FC Sonntagberg hat in der Anfangszeit einen Hilfsdienst angeboten und das hat super funktioniert. Diese Bereitschaft zur Nachbarschaftshilfe ist wirklich erfreulich.

Wie weit hat sich die Bevölkerung an die Regierungsvorgaben gehalten? Gab es da Probleme?

Raidl: Nein, die Bevölkerung hat die Maßnahmen sehr diszipliniert befolgt und tut das nach wie vor.

NÖN: Welche Auswirkungen haben die Coronakrise und der Lockdown auf die Gemeindefinanzen?

Raidl: So eine Situation hat es in den letzten Jahrzehnten in dieser Dimension noch nie gegeben. Wir reden da sicher von der schwersten Rezession seit 1945, die da momentan weltweit vonstattengeht. Als Gemeinde werden wir das bei den Ertragsanteilen, unserer Haupteinnahmequelle, spüren. Bei uns sind das im Jahr rund vier Millionen Euro. Schon für den März haben wir da um 14 Prozent weniger bekommen, obwohl die Wirtschaft da noch ein halbes Monat voll im Einsatz war. Für April werden Mindereinnahmen von 32 Prozent prognostiziert. In Summe werden wir sicherlich bis zu einem Viertel weniger Ertragsanteile bekommen. Für Sonntagberg wäre das also eine Million Euro weniger. Dazu kommen Einbußen aus der Kommunalsteuer, da auch in Sonntagberg Betriebe in Kurzarbeit sind und dabei keine Kommunalsteuer abgeführt wird. Auch bei Tourismusabgaben und Interessentenbeiträgen wird es weniger Einnahmen geben. Für nächstes Jahr wird dann der NÖKAS-Beitrag der Gemeinde interessant, weil die Coronakrise den Krankenanstalten doch zwischen 80 und 100 Millionen Euro mehr gekostet hat. Für uns als Sanierungsgemeinde bedeutet das alles eine große Herausforderung. Wir haben aber schon andere Herausforderungen finanzieller Natur überwunden und wir werden auch hier einen Weg finden.

„Eine positive Erkenntnis ist sicher, dass die Menschen in der Krise zusammenhelfen und würdevoll miteinander umgehen.“Bürgermeister Thomas Raidl

Was bedeutet diese Finanzsituation für konkrete Investitionen der Gemeinde? Müssen Vorhaben hintangestellt werden?

Raidl: Wir befinden uns derzeit noch in der Beobachtungsphase. Es gibt vielleicht Projekte, die von der Priorität her auch nächstes Jahr gemacht werden könnten, aber grundsätzlich haben wir schon vor, Investitionen – so gut es geht – zu tätigen. Wir werden jetzt einmal begonnene Projekte fertig machen, wie etwa den zusätzlichen Eingang beim Böhlerzentrum. Auch die Umfeldgestaltung bei der Basilika am Sonntagberg, ein ecoplus-Projekt gemeinsam mit dem Stift Seitenstetten, geht weiter. Da wird derzeit eine neue WC-Anlage gebaut. Anfang Mai wurde außerdem mit dem Bau eines „Regenüberlaufbeckens“ in Rosenau begonnen. Auch das geht weiter. Etwas verzögert hat sich die Gestaltung der Straßen und Nebenanlagen bei den neuen Reihenhäusern in Gerstlöd. Ich hoffe, dass wir da im Herbst starten können.

Für heuer wäre auch der Start der Schulsanierung in Rosenau avisiert gewesen. Wird dieses Projekt umgesetzt?

Raidl: Hier sollen die ersten Maßnahmen in den Ferienmonaten gesetzt werden. Das ganze Projekt wird sich aber auf mehrere Jahre erstrecken.

Wie sieht es mit der angedachten Umgestaltung des Ortskerns von Rosenau aus?

Raidl: Da wird es noch im Juni eine Besprechung des Arbeitskreises und einen Ausblick geben. Hier geht es zum einen um bauliche und gestalterische Maßnahmen, zum anderen aber auch darum, in Kontakt mit den Liegenschaftseigentümern im Ortskern zu treten und deren Zukunftsperspektiven zu erfragen. Für uns ist wichtig, die Infrastruktur in Rosenau zu halten. Wir sind hier noch gut versorgt, obwohl zuletzt das eine oder andere weggebrochen ist.

Sonntagberg ist Teil des Glasfaserausbau-Projekts der nöGIG, nachdem sich über 40 Prozent der Bevölkerung für schnelles Internet ausgesprochen haben. Wie ist da der Projektstand?

Raidl: Wir haben hier mit einer Zustimmung über 45 Prozent im ersten Ausbaugebiet ein schönes Ergebnis erreicht. Dieses Gebiet umfasst Teile von Hilm, ganz Gleiß sowie Windberg, Baichberg, Rosenau und Bruckbach. Natürlich wollen wir auch für die restliche Gemeindefläche hier dementsprechende Initiativen setzen. Da wird es mit der nöGIG, aber auch mit anderen Anbietern, noch weitere Gespräche geben. Für das erste Ausbaugebiet ist nun die Ausschreibung erfolgt. Ich schätze, dass die nöGIG mit dem Bau noch im August beginnen wird, vielleicht auch schon Juli. Das hängt wohl von der regionalen Baufirma ab, die den Auftrag bekommt. Dann wird das Breitbandnetz in den nächsten eineinhalb, zwei Jahren ausgebaut.

Wann wird heuer das Freibad in Böhlerwerk geöffnet und wie geht man mit den Vorgaben um?

Raidl: Wir werden am Freitag, 29. Mai, aufsperren. Hinsichtlich der Auflagen haben wir den Vorteil, dass wir eine große Liegefläche haben. So können wir die Vorgabe, dass jede Person zehn Quadratmeter Liegefläche hat, leicht erfüllen. Im Eingangsbereich wird man Bodenmarkierungen anbringen, damit die Leute den Sicherheitsabstand einhalten. Wir freuen uns schon auf eine schöne, wenn auch etwas andere, Badesaison.

Wie schaut es mit Sommerveranstaltungen in der Gemeinde aus?

Raidl: Seitens der Gemeinde haben wir alle Veranstaltungen bis Mitte September einmal abgesagt. Wir haben hier schließlich als Gemeinde eine gewisse Verantwortung. Die Gesundheit geht vor. So werden heuer der Kirtag am Sonntagberg und das Marktfest entfallen. Letzteres lebt ja auch von den musikalischen Darbietungen. Die Musikkapellen können derzeit aber noch nicht einmal ordentlich miteinander üben, ebenso die Chöre. Dazu kommt der Sicherheitsabstand, den man bei so einem Fest einfach nicht gewährleisten kann. Auch die Österreich-Radrundfahrt, die am 27. Juni gewesen wäre, wurde abgesagt und auch das Ferienspiel entfällt heuer. Das Ostbahn-Kurti-Konzert am 11. September im Böhlerzentrum haben wir auf das Frühjahr verschoben.

Wie hat die Kinderbetreuung in den letzten Wochen in der Gemeinde funktioniert und wie schaut es derzeit aus?

Raidl: In unseren Bildungseinrichtungen waren eigentlich nur in den ersten zwei Wochen keine Kinder. Bei den Kindergärten haben wir derzeit eine Auslastung von 35 bis 40 Prozent. Eine Nachmittagsbetreuung wird zwar angeboten, sie wird derzeit aber ganz wenig genutzt. Der Schulbetrieb in den beiden Volksschulen und der neuen Mittelschule verläuft nun aufgeteilt auf jeweils zwei Gruppen und ist wieder gut angelaufen. Alle Kinder sind gekommen.

Wie hat die Coronakrise das Gemeindeleben verändert? Gibt es auch positive Aspekte?

Raidl: Diese Situation war sicher für jeden Neuland, vergleichbar vielleicht noch mit der Katastrophe von Tschernobyl 1986. Eine positive Erkenntnis ist sicher, dass die Menschen in der Krise zusammenhelfen und würdevoll miteinander umgehen. Da würde ich mir wünschen, dass das noch länger anhält.